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Der Morgen · 1930-02-01 · Heft 6 (Februar 1930) · p. 650

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 6 (Februar 1930)
Article
[Rezension]
Date
1930-02-01
Page
650 (sequence 1)
Language
German
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Anzeigen Spinoza. Vier Reden von Carl Gebhardt, Heidelberg, Carl Winter 1927. 80 s. 3,50 m. Spinoza hat seine „Philosophie", die er nach dem Zeugnis seiner Freunde plante, nicht mehr schreiben können. Seine „Ethik" ist „nur der mathematische Aufriß des Systems", wie Gebhard sagt. Darin liegt eine große Schwierigkeit für das Verständnis Spinozas. Er setzt sich mit Vergangenheit und Gegenwart nicht ausdrücklich auseinander. Scheinbar beziehungslos und zeitlos stehen die Sätze im Reich der Gedanken der Menschheit, steil und unzugänglich wie eine Felspyramide des Hochgebirges. Die erste Aufgabe einer Spinozaerklärung wird also darin liegen müssen, jene Beziehungen zur Vergangenheit und Umwelt aufzuweisen und die in der „Ethik" latent gebliebenen Auseinandersetzungen ans Licht zu stellen. Man versucht dieses Ziel heute hauptsächlich auf zwei Wegen zu erreichen. Man geht einmal von der jüdischen Scholastik aus und will durch eine begriffsgeschichtliche Analyse einen Schlüssel zu den Formeln Spinozas finden. Gebhardt, der Herausgeber der vorzüglichen Heidelberger Ausgabe der Werse Spinozas, schlägt einen anderen Weg ein, den man vielleicht den Weg der stilgeschichtlichen Methode nennen darf. Der Forscher, der sie anwendet, geht von der Voraussetzung aus, daß ein Gedankengebilde nicht anders wie ein Gebäude der Architektur geformt ist von dem Stil einer bestimmten Epoche, daß also seine erste Frage nicht sein darf, ob ein System wahr oder falsch ist, sondern welchen Stil es repräsentiert. Von dieser Fragestellung aus gelingt es Gebhardt, eine Fülle von Beziehungen zwischen dem Spinozismus und dem 17. Jahrhundert herzustellen. Er begreift den Spinozismus als Barockphilosophie: Zwischen die Völker und zwischen die Religionen gestellt, der erste ökumenische Mensch, gelingt es Spinoza in einer Zeit, die vor die Aufgabe eines völligen Neubaus ihres wissenschaftlichen und religiösen Denkens sich gestellt sah, eine Synthese von Religion und Wissenschaft zu schaffen, die den innersten Tendenzen des nordischen Barock Ausdruck zu geben vermag. Barock ist, Gotik und Renaissance in sich aufhebend, ein dialektischer Stil, das Ineinander zweier entgegengesetzter Bewegungen: Streben nach dem Menschlichen durch Entformung alles Erformten, verbunden mit dem von der Renaissance ererbten Willen zur Formung. Im Süden (Spanien) äußert sich das Streben nach dem Unendlichen in ekstatischer Mystik, die die Brücke hinüber zum Transzendenten schlagen will. Der Norden dagegen lebt von der Idee der Immanenz des Göttlichen: In der Sektenmystik setzt sich die deutsche Mystik des Mittelalters fort, bereichert durch Ströme deutscher Barockmystik. Im Kreise dieser Sektenmystik hat Spinoza, den Immanenzgedanken in sich aufnehmend, „die kurze Abhandlung von Gott, dem Menschen und seinem Glück" geschrieben, und auf dem Grunde der „Ethik" findet man nicht minder Erbgut der Mystik eines Eckaxt und Tauler. Neben dem Begriff des Unendlichen tritt als zweiter Grundbegriff des Spinozismus der der Vollendung (perfectio). In ihm kündet sich die dialektische Gegenströmung gegen jene Tendenz zur Auflösung alles Geformten, der Wille zur Formung, an. Frankreich reicht Spinoza das Prinzip der Formung in der Gestalt des Cartesianismus. War der Begriff des Unendlichen konstituierend für die Metaphysik, so ist der Begriff der Vollendung Mittelpunkt der Moral; sie ist das Gebiet, auf dem in dialektischer Gegenbewegung die Tendenz zur Formung in der sittlichen Persönlichkeit ihren Zielpunkt findet. Hier ist der Punkt, an dem sich Goethe der Zugang zu Spinoza erschloß. Als das innerste Geheimnis des Barock nennt Gebhardt den Dynamismus. Ist der Spinozismus einmal als Barockphilosophie begriffen, so kann man sich der dynarhistischen Interpretation des Spinozismus nicht entziehen. Dann erhält aber auch die Frage nach dem „Spinozismus Goethes" (k- Rede) eine neue Gestalt. Die Modifikationen des Goetheschen Spinozismus erscheinen verschwindend klein, dagegen wird die Verwandtschaft zwischen der Welt Spinozas mit ihrer latenten Dialektik und der Welt Goethes sehr eng. Aus diesen Andeutungen dürfte wohl ersichtlich werden, welch reiches Licht Gebhardt auf das runenhafte Werk Spinozas zu werfen vermag. Freilich legt man das Buch nicht ohne Fragen aus der Hand. Einige darf ich vielleicht zum Schlüsse formulieren: 650

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