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Der Morgen · 1929-12-01 · Heft 5 (Dezember 1929) · p. 532

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 5 (Dezember 1929)
Article
[Rezension]
Date
1929-12-01
Page
532 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen Gesetz des Widerspruchs, des ausgeschlossenen Dritten und die Forderung des zureichenden Grundes angemessen. Aus der ersten Form ergibt sich leicht eine Geschichtsphilosophie, für welche der geschichtliche Hergang sich in fortgesetzten Kreisen wiederholt. Ihren Gegensatz bildet dann die Lehre von der Einmaligkeit der Geschichte, die als gerade Linie, als fortschreitender Aufstieg zur Vollkommenheit oder als Abfall aufgefaßt werden kann — wie Leisegang des näheren zeigt, sowohl in philosophischer wie in religiöser Betrachtung. Auch Mischformen finden sich häufig. Wenn nun von diesen Denkformen und Denkweisen allerdings keine die andere widerlegen kann, so folgt daraus nicht ihre gleichmäßige Berechtigung. Vielmehr hat jede ihre Schranke, die sich aus dem Anschauungstgebiet ergibt, in dem sie zu Hause ist. Alle Absurditäten des Denkens beruhen darauf, daß man eine an einem bestimmten Wirklichkeitsbereich ausgebildete Denkform auf die ganze Welt mit allen ihren Erscheinungen übertrug (vergl. S. 44s). Der Verfasser ist sich durchaus bewußt, seinen Gegenstand nicht zu erschöpfen. Und wenn er sich S. 443 damit bescheidet, mehrere Denkformen anzuerkennen, die auf die verschiedenen Erscheinungsformen der Wirklichkeit anwendbar sind, ohne eine einheitliche Denkweise zu suchen, aus welcher diese Formen ihre Erklärung finden, und ohne einen einheitlichen Grund des Weltgeschehens zu fordern, so ist sehr fraglich, ob die systematische Philosophie sich mit diesem Ergebnis beruhigen und nicht zu einem einheitlichen Erklärungsprinzip vordringen wird, wie es, gerade nach Leisegangs Darstellung, alle Systematiker der Vergangenheit, unbeschadet ihres sonstigen Auseinandergehens, ausnahmslos getan haben. Aber wie man über den systematischen Wert des Buches denken mag, seine psychologische Bedeutung möchte ich sehr hoch einschätzen. Es zeigt noch deutlicher als manche in ähnlicher Richtung arbeitende Untersuchungen, daß das, was uns Menschen scheidet, meist gar nicht die Sätze sind, über die wir ausführlich disputieren, sondern die unterbewußten und daher der Aussprache entrückten Voraussetzungen der Denkweise. Von hier aus fällt insbesondere auf die Geschichte des jüdischen Denkens mancherlei Licht. Leisegang streift es, indem er mit vollem Recht die Erklärung der Denkweise des Paulus aus jüdischer Art ablehnt. Kreisschlüsse wie bei dem Apostel sind im jüdischen Denken äußerst selten; man könnte höchtens auf Stellen wie Sprüche der Väter 4, 29 „die Lebenden gehen dem Tode entgegen, die Toten dem Leben" verweisen. Richtig ist auch, wenn Leisegang S. 452 f. die verbreitete Auffassung, daß das Judentum zu rein rationalistischer Denkweise neige, im Hinblick auf die Kabbala und Buber, stark einschränkt. Und selbst für die außerhalb seines Forschungsgebiets liegende Frage nach der Urform jüdischen Denkens und nach dem Einfluß, den "die drei im Griechentum ausgebildeten Denkformen darauf übten, ergeben sich wertvolle Fingerzeige. So sieht Leisegang S. i43 im Anschluß an Hegel mit Recht eine Armut der Kantischen Ethik im Zurücktreten des Liebesbegriffes; statt daher mit Cohen (Ethik des reinen Willens 1457) eine „sittliche Naivität" der Religion zu finden in dem Versuche „die Tugend auf Liebe zu gründen", und statt die jüdische Religion derart Kant anzupassen, daß Leisegang i4g, 2 im gleichen Zusammenhang meinen kann, Cohen habe die Identität jüdisch-alttestamentlicher und Kantischer Auffassung bewiesen, sollte man feststellen, daß das Judentum, dein hier Jesus folgt, mit seinem Liebesgebot Seelentiefen erfaßt, die dem reinen Theoretiker unzugänglich sind. Und wenn der Talmud bei allem Streben, die schwebenden Begriffe der Bibel scharf zu umreißen, Definitionen in unserem Sinne als Bestimmungen eines Begriffes aus seinem Oberbegriff und differentia specifica nicht enthält, so sollte man darin nicht eine Primitivität sehen, sondern erkennen, daß diese Definitionsweise, die in der Mathematik zu Hause ist, auf Lebendiges nicht angewandt werden kann, ohne ihm die Seele auszutreiben (vergl. die Definition des Geigenspiels als „Kratzen von einem Bündel Roßhaaren auf vier Schafsdärmen" Leisegang S. 2o5). So stellt Leisegangs Buch gerade den Juden der Gegenwart vor emste Fragen; ganz von selbst ergibt sich, daß Denkweisen und Denkinhalte des philosophisch unberührten Judentums gewiß den rationalistischen näher stehen als die des paulinischen Christentums, aber ihre erschöpfende Deutung und Auswertung aus dem reinen Rationalismus nicht empfangen können. I. Heinemann. 532

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