Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 531 (sequence 1)
- Language
- German
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Anzeigen Hans Leisegang: Denkformen.Berlin, De Gruyter, 1928. 457 Seiten. .Vor etlichen Jahren hörte ein Pfarrerssohn eine Osterpredigt. Er erzählt darüber: „Mir fiel der mehrmals wiederkehrende, im Anschluß an den Apostel Paulus formulierte Satz auf: Ist Jesus Christus von den Toten auferstanden, so ist es gewißlich wahr, daß wir alle in einem seligen Leben wandeln werden. — Dem stellte ich in Gedanken den Satz an die Seite: hat mein Freund Max das Bein gebrochen, so ist gewißlich wahr, daß wir alle das Bein brechen werden. Ich fragte mich, warum hier sofort der logische Unsinn, der im falschen Schluß vom Besondern auf das Allgemeine besteht, allen normalen Menschen zum Bewußtsein kommt, während sie" den Satz in jener Predigt ohne Anstoß hinnehmen. Da ich dann in den Briefen des Paulus eine Fülle solcher sehr ernst gemeinter und doch logisch unhaltbarer Beweise fand, erwachte in mir die Erkenntnis, daß hier offenbar mit einer anderen Logik gearbeitet wurde, als die es ist, in der zu denken wir erzogen sind, und der Wunsch — die Gesetze dieser Logik zu finden." Einige Jahre früher sitzt ein jüdischer Primaner beim Talmudstudium. Er folgt dem Versuch, eine Form der Eheschließung mit der Form des Hauskaufes in Parallele zu setzen, da bei beiden derselbe Ausdruck gebraucht wird. Er hat das bestimmte Gefühl: so würde weder Piaton noch Lessing geschlossen haben — noch düi-fte ich in einem Aufsatz so schließen. Daraus folgt für ihn nicht, daß der Talmud Unrecht hat, wohl aber, daß sich hier gleichsam eine andere Welt des Denkens auftut. Und es erwacht in ihm der Wunsch, diese Welt zu der ihm geläufigeren des europäischen Denkens in Beziehung zu setzen, Wesen und Recht ihrer Eigenart zu erforschen. Der Pfarrerssohn von damals ist der Verfasser, der Talmudschüler der Rezensent des oben genannten Buches. Die Aufgabe des Werkes ist danach offenbar sowohl systematisch wie psychologisch. Es will freimachen von der — zumal dem 17. und 18. Jahrhundert geläufigen — Voraussetzung, daß es nur eine, und zwar die mathematische Denkform gebe. Vielmehr schließt jeder Gegenstand, „richtig geschaut, ein neues Organ in uns auf" (Goethe) und fordert eine neue Methode, die dann häufig auf andere Gegenstände übertragen wird. Folglich ist zur .'Deutung der Systeme zu fragen — nicht sofort, welche Methode sie befolgen, sondern zunächst, von welchen Gegenständen sie diese Methode abgezogen haben. In dieser Untersuchung liegt die Eigenart der Methode Leisegangs gegenüber den anderen ziemlich zahlreichen Versuche der letzten Jahre, den Unterschieden der Denkweisen gerecht zu werden. Die erste Denkform („Form" in Leisegangs Sinne durchaus anschaulich zu nehmen) ist die des Kreises. Sie findet sich zumal bei Heraklit und bei Paulus. Sie geht aus von der Anschauung des Lebens, das sich im Samen konzentriert, zum Organismus entfaltet, der selbst wieder neuen Samen erzeugt, aus dem der Kreislauf wieder beginnen kann. Vom einzelnen Organismus wird diese Anschauung auf die Gesamtheit des organischen Lebens, dann auf die Menschheit in der Weise übertragen, daß zwischen dem Ende und dem Anfang eines Werdeganges eine Übereinstimmung hergestellt wird. Die zweite Form ist die von Piaton geschaffene, zumal bei Kant mächtig nachwirkende der Begriffspyramide. Sie geht von der Anschauung unveränderlicher Größen, wie der mathematischen Begriffe, aus und ordnet sie durch fortschreitende Vermehrung des Begriffsinhalts (Figur, Dreieck, gleichschenkliges Dreieck usw.). Hier ist das 53t