Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Zum dritten und vierten Band der Encyclopaedia Judaica [Rezension]
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 530 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Franz Rosenzweig: Zum dritten und vierten Band der Encyclopaedia Judaica tung der Beiträge oder etwa nur in besonders wichtigen Einzelfragen bemerkbar, sondern auch in verhältnismäßig nebensächlichen Punkten; um ein komisches Beispiel anzuführen: ich glaube, dem sogenannten „Nun inversum" in vier oder fünf Beiträgen begegnet zu sein, selbstverständlich fast ebensoviel verschiedenen Erklärungen dafür. Die Redakteure verdienen Lob dafür, daß sie der Versuchung, auszugleichen und zu harmonisieren, widerstanden haben; es wäre auch ein unmögliches Unterfangen gewesen: man kann nicht Autoren, wie es hier geschah, zu voller Entfaltung ihres Autorentums berufen und dann nachträglich so verfahren, als hätte man sie bloß zu gelehrter Kärrnerarbeit gemietet. Nun gibt der Artikel grade durch die Überschneidung der Kreise, die sich bei aller sorgfältigen Verteilung der thematischen Kreismittelpunkte kaum vermeiden ließ, ein perspektivisches Bild der Sache, wie sie sich heute darstellt. Man erhält aus diesen 270 Spalten eine plastischere Vorstellung als aus der besten Einleitung in das Alte Testament, die ein einzelner geben könnte. Und die Widersprüche tun keinen Schaden, weil sie doch im allgemeinen nur einem Leser auffallen werden, der soweit Kenner ist, um zugleich mit dem Bemerken des Widerspruchs auch seine im Standpunkt des Autors oder in der Vielseitigkeit der Sache oder (meist) in beidem gelegene Ursache zu erkennen, — und grade dadurch auch den Gegenstand selbst in seiner vollen körperhaften Rundung. Frage ich mich nun schließlich nach dem letzten Wert einer solchen jüdischen Sonderbehandlung eines Themas, das doch der allgemeinen Wissenschaft angehört und im Wesentlichen auch hier durchaus in ihrem Geiste angepackt ist, so bleibt alles in allem als jüdischer Ertrag etwas ganz Einfaches. In i35 Kettentiteln und in zahllosen „B."-Siglen ist hier das Wort „Bibel", für den gemeinhin Altes Testament genannten Teil gebraucht und nur für ihn. Das hat sich für die allermeisten Autoreh gewiß wie von selber, ohne besonderen redaktionellen Druck ergeben, einfach aus der Themastellung und der Einordnung in das Gesamtwerk, obwohl es andrerseits gewiß jedem der Autoren einmal überraschend zum Bewußtsein gekommen ist. Aber in dieser ganz simpeln, fast ohne Zutun gewordenen Tatsache hat sich mitten in diesem modernsten jüdischen Werk der alte Judentrotz, der ewige Vorbehalt gegen die sichtbare, allzusichtbare Weltgeschichte zugunsten der unsichtbaren und erst „an jenem Tag" aus der Verborgenheit ins Offenbare tretenden, eine neue Gestalt gegeben. Und da immerhin der letzte ausführliche Sprecher der Reihe doch sich von weltgeschichtswegen gezwungen sah, gelegentlich „die jüdische Bibel" zu sagen statt „die Bibel" schlechthin, so wird diesem Trotz auch die Rechtfertigung, daß er sich es selbst versagt, das letzte Wort zu behalten. Denn wohl sollen und wollen wir im Eigenen beharren, am Eigenen festhalten, aber so sollen und wollen wir auch wissen, daß das Eigene nicht das Ganze ist, daß vielmehr dies trotzig behauptete Eigene, ob auch geheimer Mittelpunkt der geschaffenen Welt, und dieser unbeirrt beschrittene Weg, ob auch geheimer Richtweg der Schöpfung, nur Teil sind dieser geschaffenen Welt — einer Welt, in der auch die Umwege bestimmt sind, Wege zu sein. 530