Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Zum dritten und vierten Band der Encyclopaedia Judaica [Rezension]
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 527 (sequence 1)
- Language
- German
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Zum dritten und vierten Band der Encyclopaedia Judaica Von Franz Rosenzweig In diesem Jahr ist der dritte und der vierte Band des monumentalen Werks erschienen: Apostel bis Beerajim und Beer- Bing bis Cagliari. Auf dem Bücherbrett beginnt sich die Reihe der Bände nun schon etwas enzyklopädisch auszunehmen, und da der lange Buchstabe A — so lang durch den Einfluß des hebräischen Alef — nun durchmessen ist, hat man ein Gefühl wie auf einer Seereise in dem Augenblick, da die Küste dem Blick entschwindet: man ist in Fanrt und das Reiseziel tritt in den Kreis des Erreichbaren. Freilich haben die Leiter des weitschichtigen Unternehmens eben mit dem dritten Band eingesehen, daß es so in dieser Breite doch nicht weitergeht, und haben von diesem Band an die Mitarbeiter zu größerer Beschränkung angehalten. Ich habe den Erfolg dieses Bemühens bei der Lektüre eigentlich nur an den zahlreichen Artikeln über die talmudischen Persönlichkeiten gespürt, wo die reiche Auswahl von Aussprüchen, welche die beiden ersten Bände bei jedem brachten, leider jetzt karger werden mußte. Sonst ist glücklicherweise nicht viel von Beschränkung zu merken, wenn sie auch sicher stattgefunden hat; die Lesbarkeit, ja um das etwas bedenkliche Wort zu wagen: die Amüsantheit, der meisten, besonders der größeren Artikel ist nicht geringer geworden; Amüsantheit natürlich nicht im Sinne einer gewollten schmockhaften Zuxechtfrisierung des Stoffes, sondern nur die, die sich von selbst ergibt, wenn man eine Sache aus dem ihr gemäßen Gesichtspunkt ansieht, — das was Ranke meinte, als er in seinem Seminar die Schüler ansprach: „Meine Herren, halten Sie sich an das Interessante!''; der Teilnehmer des Seminars, der diese historische Methodik in sechs Worlen sich am meisten, noch mehr als Ranke selbst, zu eigen gemacht hat: Jakob Burckhardt, hat das Wort überliefert. Ich vermeide in diesen Besprechungen grundsätzlich einen Hinweis auf einzelne kleine Fehler und Unzuverlässigkeiten, durch die sich der Rezensent eines solchen Riesenwerks beim harmlosen Leser in den Geruch der Überlegenheit setzt. Das ist ein zu billig erworbener Ruhm. Es versteht sich doch von selbst: wo ich Bescheid weiß, weiß ich doch natürlich besser Bescheid als der andere — oder rede es mir wenigstens ein. Dem andern geht es mit mir wahrscheinlich ebenso. Aber Büoher werden nicht geschrieben für die, die es „besserwissen", sondern für die, die es wenig oder gar nicht wissen. Mit andern Worten: nioht für die Rezensenten, sondern für die Leser. Ich habe also als Rezensent nicht von meinem sporadischen Besserwissen auszugehen, sondern von dem Ozean meiner Unwissenheit. Ich habe nicht aus meiner Personzu sprechen, sondern die Interessen des durchschnittlichen Lesers des Kreises, für den das Werk bestimmt ist, zu vertreten, habe also aus meinem 527