Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Juden und Araber in Palästina
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 503 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Wiener: Juden und Araber in Palästina Angestelltenschicht angehörend, Sozialist, der sich durchhungerte, um seine brennende Sehnsucht, die Übersiedlung ins Land der Väter, zu stillen, auf den jüdischen Engländer aus begütertem Kause, Aniisozialist, jahrelang englischer Beamter, religiös auf dem Standpunkt des radikalen Liberalismus, auf seinen Wunsch nach Palästina versetzt, — so sind der Gegensätze übergenug, aber gemeinsam ist ihnen das Bekenntnis zum Zionismus, der Wille zur nationalen Heimstätte, mag der eine diese Begriffe maximal geweitet sehen, der andere in westjüdischer Nüchternheit sie englischer Regierungsauffassung gemäß anerkennen. Und diese Unterschiede bestehen zwischen Menschen — und das ist für diese Betrachtung wesentlich —, die in der gleichen Zeit leben und den Zeitströmungen mehr oder weniger sich einordnen müssen. Beiden eignet eine europäische Seele, gleichgültig ob diese west- oder osteuropäische Färbung hat Der Araber, der Fellach, lebt jedoch in einer Welt, die zeitlich vor der des Chaluz liegt, — ohne daß mit dieser Feststellung ein Werturteil abgegeben werden soll. Und diese Welt ist daher völlig anders orientiert als die des Chaluz. Blick, Wanderer, auf das Fellachendorf dort auf luftiger Höhe und auf die Kwuzah in der Ebene! Der Araber benutzt den von Ochsen oder Kamel gezogenen Pflug, wie ihn seine Ahnen vor iooo und 2000 Jahren benutzten, und wie er an den Wänden ägyptischer Gräber abgebildet ist. Der Chaluz arbeitet mit Dampfpflug und Dreschmaschine neuester amerikanischer Konstruktion. Der Fellach lebt unter einer Feudalverfassung, die mittelalterlich anmutet. Der Chaluz bildet gemeinsam mit seinen Genossen eine neue auf kommunistischen Grundsätzen ruhende Lebensgemeinschaft, die Kwuzah. Im Angelpunkt seiner geistigen Welt steht das national-politische Ziel. Der Fellach ist völlig apolitisch. Das einzige, was ihn über den Alltag hinaushebt, ist ein primitiver Islamglaube, stark durchsetzt mit Aberglauben. Dies ist sein köstlicher, einziger Schatz, den er mit Leib und Leben verteidigt; daher denn auch die Wut des Fellachen, die grenzenlose Raserei gegen jeden, von dem ihm gesagt wird oder von dem er wähnt, er wolle den Islam und seine Heiligtümer antasten^ Jede Demonstration an der Klagemauer wurde von dem Fellachen nicht als politisch — der Begriff „Politik" besteht in seinem Hirn nicht —, sondern als antüslamisch aufgefaßt Daß dann der Haß durch die falschen Gerüchte, die Juden wollten die Araber mit Gewalt aus dem Lande jagen, gesteigert wurde, 502