Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1929)
- Article
- Juden und Araber in Palästina
- Date
- 1929-12-01
- Page
- 483 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Alfred Wiener: Juden und Araber in Palästina Klagemauer gestattet Allerdings konnten sie 3o bis 4o Jahre alte Photographien beibringen, auf denen aufgestellte Betpulte usw. sichtbar sind. Der Mufti aber wies dem englischen Höchstkommissar Sir John Chancellor eine türkische Urkunde vor, die die Aufstellung verbietet1) Das Großrabbinat konnte keine entsprechende vorweisen. Die Juden besitzen jedoch etwas, was einem juristischen Besitzti'rel nicht nachsteht, ein durch die Jahrhunderte geheiligtes Gewohnheitsrecht, an der Klagemauer ihre Gebete zu verrichten. Schon der Kirchenvater Hieronymus, der im 5. Jahrhundert lebte, erzählt in seinem Kommentar zu Zephanja I, i5, die Juden hätten sich die Erlaubnis erkaufen müssen, um am 9. Aw Jerusalem zu besuchen und die Tempeltrümmer zu beklagen. Das älteste und bedeutungsvollste jüdische Zeugnis ist aber der Bericht Rabbi Benjamins von Tudela, der etwa 1170 Jerusalem besucht hat und wörtlich schreibt: „Im Westen steht noch eine der Tempelmauern.... Die Juden gehen dahin, um vor derselben ihre Andacht zu verrichten." 2) (Grünhut und Adler, Die Reisebeschreibungen des R. Benjamin von Tudela, Jerusalem 1903, II. Teil, S. 3o.) Seit jüngster Zeit besitzen wir erfreulicherweise eine Monographie über die Klagemauer von Jizchak Jecheskel Yahuda in Jerusalem.3) 1) Amtliche Mitteilung des Höchstkommissars an die Mandatskommission des Völkerbundes noch vor den letzten Unruhen. Diese wichtige Feststellung in The Jewish Guardian. London 1929, Nr. 526 vom 25. Oktober 1929, S. 7. Wichtig auch: The Western or Wailing Wall in Jerusalem. Memorandum by the Secrelary of State for the Colonies, London 1928 (Cmd. 3229). 2) Die Klagemauergebete mit jiddischer Übersetzung dn Schaare dimah (wiederholt in Jerusalem gedruckt). Siehe auch Luncz, Jerusalem - Jahrbuch, 1. Jahrg. 1881. Wien 1S82, S. 3o des hebr. Teils. Der nach Baedeker (0. Aufl. Leipzig 1904, S. 58) und nach zahllosen Reiseschriften angeblich an der Klagemauer gesungene Wechselgesang scheint auf Raumer, Palästina, Leipzig i838, 2. Aufl., S. 327 zurückzugehen, wonach dieser Gesang karäisch. sein soll. 3) Erschienen in der Zeitschrift „Z i o n" der Palästinischen Gesellschaft für Geschichte und Geographie (3. Heft. Jerusalem 1929, S. 59—163) in hebräischer Sprache. Wenn dieser Abhandlung auch die wissenschaftliche Rundung fehlt, so ist sie doch als eine etwas unsystematische Materialsammlung sehr lehrreich und sehr wertvoll. Aus dem interessanten Inhalt seien hervorgehoben: Kap. 2 (S. 97): Zeugnisse aus Talmud und Midrasch über die Heiligkeit der Westmauer und der Tempelruinen überhaupt. Im 5. bis 7. Kapitel werden die verschiedenen Stadien des Anspruchs auf die Mauer, die Bebauungs- und Besitzverhältnisse der Klagemauerumgebung, die Länge des Betörtes usw. behandelt, im 10. Kapitel die Frage des Betretens des Tempelplatzes dargestellt (Maimonides, um n5o, verbietet es, sein Zeitgenosse Abraham ben David nicht). Das 16. bis 18. Kapitel bringt jüdische Zeugnisse über die westliche Mauer von Benjamin von Tudela bis zur Gegenwart, das 19. Kapitel persönliche Erlebnisse des Verfassers, das 21. Kapitel Berichte der Andersgläubigen über die Westmauer, das 23. die Darstellung des Streitfalls an der Klagemauer zwischen den Juden und dem türkischen Pascha im Jahre 1911. 482