Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Konservative Kulturpolitik
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 344 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Adam Köder das Alte. Testament schlecht; sie wissen nichts von Jesaja, nichts von den Psalmen, und Kohelet und das Buch; Hiob bleibt ihnen verschlossen. Julius Goldstein war aber der lebendige Beweis dafür, wie eine bewußt jüdisch-religiöse Einstellung mit dem Anerkenntnis des Funktionellen in unserer Denkweise wohl zu vereinbaren ist. Hat er doch selbst den okkulten Phänomenen gegenüber eine vorurteilsfreie und gerechtprüfende Einstellung verlangt. Einen sittlichen Fortschritt, der nicht in religiösen Grundvorstellungen ruht, konnte er sich nicht vorstellen. Religiöser Idealismus und Sittlichkeit waren ihm sich gegenseitig bedingende Faktoren unserer intellektuellen Urteilskraft. Das war der Punkt, in dem wir uns trafen —, das war der Punkt, von dem aus wir uns zum natürlichen Konservatismus als bauendes Gesellschaftsprinzip eines notwendigen Fortschritts bekannten. Einem solchen Konservatismus werden sich die Besten im Judentum nicht verschließen. Es gibt ja nun heute im jüdischen Volksteil einen Konservatismus, der ganz im Stile eines antiquierten Preußentums die Reaktion mit einer national verblümten Phraseologie befürwortet. Von diesem Konservatismus — ich nannte ihn naturalistischen Polizei-Konservatismus — wollte der Heimgegangene nichts wissen. Es war eine besondere Genugtuung für mich, daß Julius Goldstern meine Publikationen gegen das „national-deutsche Judentum" mit lebhafter Zustimmung aufnahm. Es war uns unbegreiflich, daß geistig führende Männer im Judentum nicht erkennen konnten, daß man mit Richtungen, die das Nationale nicht aus der Enge eines somatisch bedingten Volkstums befreien konnten, niemals gemeinsame Sache wird machen können. Wem Menschentum nicht über Volkstum steht, wird sich stets in den Bausteinen zur Errichtung eines nationalen Volkstums vergreifen. Die Menschheit eine Familie — dieses von philosophischer Betrachtung und von der religiösen Urtümlichkeit gleicherweise verlangte Ideal muß das Ziel aller fortschrittlichen Entwicklung sein. Daß jene national-deutschen Juden dies verkennen, ist tragisch. Zeigt sich denn nicht gerade heute in jenen Kreisen, die da glauben, ein besonderes Recht zu haben auf die Interpretation des Begriffs national, eine geradezu absurde Einseitigkeit und Engherzigkeit in dem Verhalten zur jüdischen Schicht? Wo ist auch nur die Spur eines Verstehens der jüdischen Besonderheit, die sich als ein wuchtiges Amalgam deutsdh-europäisdhen Geisteslebens gezeigt hat? Wenn heute ein großer Teil der akademischen Jugend borniert hinter den Hitlerfahnen hermarschiert, um so den Haß gegen den heutigen Staat mit einem bequemen Requisit der Agitation zu maskieren, da sollten doch 344