Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Internationale jüdische Frauenarbeit
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 281 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895487-2899885--03711-2899980- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Hannah Karminski: Internationale jüdische Frauenarbeit Die Jüdinnen verbindet — über nationale Grenzen hinweg — außer diesem gemeinsamen Erleben der Gegenwart auch das Schicksal der Vergangenheit. Wollte man das Wesen der jüdischen Frau durch eine Aneinanderreihung hervorragender Frauenpersönhchkeiten charakterisieren, so könnte man eine solche Rückschau niemals auf ein Land beschränken. Die Gestalten einer in Spanien beheimateten Donna Gracia, der in Italien lebenden Sarah Copia Sullam, gehören zu dem Lebensbild der deutschen Glückel von Hameln, und ihrer aller Erbe ist Besitz der jüdischen Frau von heute. Vielleicht kann hier -eingewendet werden, daß ein Teil der geistigen Verwandtschaft der in früheren Jahrhunderten lebenden Jüdinnen darauf beruht, daß in jedem Land der geographische und geistige Lebensraum der Juden ein sehr ähnlicher war: das Ghetto, das jüdisches Eigengut schützte, fremdes Kulturgut bis zu einem gewissen Grade abwehrte. Gerade die Lebensbilder der hier erwähnten Frauenpersönlichkeiten jedoch sind Beweise für die Fähigkeit, schon damals die Fragen der Zeit, die Kulturaufgaben des Landes einzubeziehen in das persönliche Schicksal. Und umgekehrt muß auch in Betracht gezogen werden, daß ein Hauptwesenszug der jüdischen Frauenbewegung von heute der Wille der jüdischen Frau ist, sich innerhalb der sie umgebenden Kultur den Eigenbezirk jüdischen Lebens zu erhalten und wieder neu zu schaffen. In einer Aufsatzreihe über die „Entwicklung des jüdischen Frauentypus seit dem Mittelalter" (die im i. Jahrgang dieser Zeitschrift veröffentlicht war) hat Prof. Selma Stern in einer Schilderung der Jüdin der Gegenwart die starke Bereitschaft zu deuten versucht, die die Jüdin befähigte, die Idee der Frauenr bewegung zu verstehen und zu vertreten. Sie sieht darin den „revolutionären Drang der Unterdrückten, der sich gegen jede Art von Unterdrückung erhebt". Es ist ganz sicher, daß die Frauen und Töchter einer Gemeinschaft, die Knechtschaft und Einengung Jahrtausende hindurch als eigenes Schicksal erfahren hatte, in diesem „Kampf ums Recht" besonders geeignete Mitkämpfer stellen konnten. Dazu kommen m. E. noch weitere Züge innerer Verwandtschaft jüdischen Wesens mit den Motiven der Frauenbewegung. — Frauenbewegung ist der Glaube an einen geistigen Sinn: im Leben des Einzelnen, im Leben der Völker, in der Gesamtkultur. Zur Erkenntnis und Verwirklichung dieses Geistigen versucht sie, die Frau zu führen. Gerade diese Bewertung des Geistigen aber hat „das Volk der Lehre" auch seinen Frauen von jeher eingeprägt. Und schließlich wurzelt die Frauenbewegung in der Überzeugung, daß der Anteil der Frauen an der Kultur ein besonderer, vom Wesen des Mannes 28t