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Der Morgen · 1929-08-01 · Heft 3 (August 1929) · p. 263

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 3 (August 1929)
Article
Juden bei Paul Claudel
Date
1929-08-01
Page
263 (sequence 14)
Language
German
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Juden bei Paul Claudel Orsos Gattin werden muß, damit das Kind, das sie von ihm trägt, seinen Namen erhält. Und Pensee fügt sich. Für sie, die dem Geliebten nachsterben möchte, ist leben um des Kindes willen die größte Opfertat. Ihre Liebe für Orian hat jetzt eine Höhe erreicht: „Daß nicht die Zeit ihr ein Ende setzt, sondern daß sie imstande sei, im Gegenteil der Zeit ein Ende zu setzen". Diese blinde Jüdin ist ja die Enkeltochter dieser herrlichen Sygne von Coufontaine, die einmal den Papst gerettet hat, indem sie mehr als ihr Leben opferte: „Und nun hat sich ih meinen Adeni das größte Opfer vereint mit dem größten Ungklck' und der größte Stolz mit der tiefsten Erniedrigung und mit der Entbehrung aller Ehre, der Franke in einer einzigen Person mit dem Juden." Gewiß wohnen in dieser rein katholischen Welt die Juden ganz unten, vor der Schwelle des Heils. Aber gerade darum kann sich an ihnen die Prophezeiung vollziehen: „Die ersten werden die letzten sein!" Und sie können aus der letzten Tiefe des Leidens aufsteigen in die höchste "Verklärung des Opfers. IX. Das scheint es seinem geistigen Gehalt nach zu sein, was Claudel in dieser unendlich zarten und tiefbewegten Dichtung auszusprechen hatte. — Ganz gewiß wird niemand, der nicht wie er auf dem Boden streng katholischer Gläubigkeit steht, so über Wesen und Wert, Schicksal und Möglichkeit des Judentums urteilen wie er. Aber da Claudel die große Kraft des Dichters hat, der sich für jede seiner Anschauungen bei allen Fühlenden Gehör erzwingen kann, so ist es nötig, seine Stellungnahme kennen zu lernen. Und es ist nicht nur nötig, sondern auch gut. Denn ein Mensch, dessen sinnliche Anschauungs- und seelische Gefühlskräfte so groß sind, daß sie ihn zu einem wahrhaften Dichter machen, der wird, welchem Sinn er auch dienen mag, mit jeder Bewegung so viel Lebendiges, Kennenswertes, Merkwürdiges hervorrufen, daß von ihm auch der bereichert wird, der die Erscheinungen nach einem ganz anderen Sinne zu ordnen wünscht. 263

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