Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 234 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895487-2899879--03658-2899933- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Ludwig Goldstein Er, das Haupt der Weisen, der die Finsternis erleuchtete und den Ruhm seines Volkes erhöhte durch Lehre, Weisheit und Tugend, durch ihn wird Israel für ewig gesegnet. Wahrheit und Gesetz waren in Dunkel gehüllt von Geschlecht zu Geschlechte, Bis Gott sprach: Es werde Mose! und es ward LichtI Die Anerkennung, die die Juden ihrem Führer entgegenbrachten, drückte sich auch in Beschlüssen und Taten aus. So verfügte 1763 die Berliner Gemeinde, „den würdigen Herrn M. Mendelssohn als Belohnung für seine großen Verdienste, besonders für die Anfertigung und Uebersetzung der Predigt und der Gesänge beim Friedensfeste, für immer von allen Gemeindeabgaben zu befreien", und acht Jahre später wurde mit Zustimmung des Rabbiners beschlossen, „daß M. Mendelssohn ausnahmsweise zu allen Gemeindeämtern, selbst mit Uebergehung aller vorschriftsmäßigen Abstufungen und üblichen Beschränkungen, wählbar und berechtigt sei, sie sofort anzutreten und zu verwalten". Ausdrücklich heißt es in diesem Beschlüsse, daß „einem so ausgezeichneten Manne gegenüber Statuten keine Anwendung finden und weichen müssen". Schmerzlich und erschütternd wirkte Mendelssohns Tod. Aus Halberstadt erhielt die kgl. privilegierte Berlinische Zeitung vom 21. Februar 1786 folgende bezeichnende Zuschrift: „Halberstadt, den 12. Februar. Die Theilnehmung unserer Judenschaft an Mendelssohns Tode war allgemein . . . Der geringste Jude verstand es, wenn man ihm kondolierte, auch taten sie es selbst untetr* einander, als über einen allgemeinen Verlust; ihr erstes Wort, wo sie hinkamen, war Mendelssohn, und am Tage seines Begräbnisses hielten sie ihre Läden geschlossen und kamen nicht aus dem Hause." Mendelssohn hatte in einem Schreiben an die jüdische Gemeinde zu Schwerin die Vorteile einer nicht zu eilig vorgenommenen Beerdigung — im Gegensatz zu der damaligen Gepflogenheit der Juden — beredt auseinandergesetzt. Deshalb ging man bei seiner Beisetzung auf David Friedländers Antrag und mit Bewüligung des Oberrabbiners so weit von der Gewohnheit ab, daß man seine sterblichen Reste erst 2-4 Stunden nach dem Ableben beerdigte. Darauf hat Ramler in seiner Trauerkantate auf den Tod Moses Mendelssohns, „Sulamith und Eusebia", mit den Worten angespielt: „Begrabt ihn spät, damit er noch erwache!" Desgleichen auf die Schließung der 234