Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 3 (August 1929)
- Article
- Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen
- Date
- 1929-08-01
- Page
- 227 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen denheit war von jeher der auszeichnendste, liebenswürdigste Zug in seinem Charakter (Moritz). Was will, was kann es der erdrückenden Macht dieser Zeugnisse gegenüber besagen, wenn wohl nur eine einzige Stimme laut wird, die Mendelssohn einen Sophisten, Lügner und Heuchler schilt! Es ist die des älteren Hamann, der das Bedürfnis hat, sich nach Mendelssohns Tode vor seinem Herzensbruder Jacobi reinzuwaschen. Halt, Hamann steht doch nicht ganz allein 1 Neben seines Basses Grundgewalt wird noch ein Sümmchen hörbar, dessen schriller Diskant ebenfalls allerhand Unerfreuliches über Mendelssohn zu melden weiß — allerdings nur aus der Erinnerung verletzter Schulmädelgefühle. In ihrem dreizehnten Jahre, erzählt Sara von Grotthus geb. Meyer in einem Briefe an Goethe vom März 1797, hatte sie einen empfindsamen Roman mit einem Hamburger Kaufmannssohn, der ihr einst „den Trost der unglücklich Liebenden, den göttlichen Werther" schickte und dafür ein „sehr glühendes Billett" erhielt. Diese „Depesche" wurde von ihrem Vater aufgefangen, worauf sie von diesem mit Stubenarrest und von Mendelssohn, der ihr Mentor war, mit bitteren Vorwürfen bedacht wurde. Zudem warf der Mentor das Corpus delicti zum Fenster hinaus. „Der Ärger über Mendelssohns Gemeinheit" war mit daran schuld, daß sie erkrankte; doch wurde sie in ihrem Leiden angeblich von Lessing getröstet, der sich ihretwegen — beinahe mit Mendelssohn entzweit hätte (!). „Durch Moses' Gewalt und der Mutter Zwang" wurde sie angeblich auch an einen Elenden verheiratet, der ihre Existenz zehn Jahre lang zur Höllenqual machte (Goethe-Jahrbuch XIV). — Die schöne Geschichte dieser Dame, die Ludwig Geiger (ebenda S. 97) als „sehr eitel, krankhaft erregt, so sehr, daß die Erregung einmal in geistige Gestörtheit überging", charakterisiert, beweist wohl nur, wie ernst Mendelssohn seine Pflicht als Erzieher auffaßte, und gibt höchstens zu der Klarstellung Anlaß, daß er nicht etwa, wie man aus jener Jugendbeichte vielleicht schließen könnte, ein geschworener Feind von „Werthers Leiden" war! In der Hauptsache bleibt es wohl bei Zimmermanns Meinung, daß Mendelssohn „von allen Menschen geliebt und geehrt" war, oder wis es Euchel ausdrückt: „alle, die ihn kannten, liebten ihn, denn er verstand es, mit jedem liebenswürdig umzugehen, und gefiel allen, die ihn sahen". Gedanken, die sich fast aufs Wort wiederholen: „Niemand hat ihn gekannt, der ihn nicht geliebt und geehrt hätte. Dies taten (zu ihrer und zu Mendelssohns Ehre sei es gesagt!) Personen von allen Ständen und Nationen: Fürsten, Staatsminister, 227 16*