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Der Morgen · 1929-06-01 · Heft 2 (Juni 1929) · p. 203

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 2 (Juni 1929)
Article
Oscar Levertin
Date
1929-06-01
Page
203 (sequence 5)
Language
German
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Oscar Levertin Menschen, Luft immer stiller werden. Gedämpfte Farben, gedämpfte Stimmimg, voll unausgesprochener Worte, voll leiser mitklingender Musik. Und wenn auch das Feuer erlischt, die Sage zu Ende geht, nie findet Levertin die Worte des unbändigen Hasses, die für einen Strindberg so typisch, für Levertin aber unverständlich waren. In der dritten Sammlung Gedichte versucht .er bewußt die Form zu vereinfachen. — Kurz vor seinem Tode stieg die lyrische Inspiration wieder mächtig, wie wohl nie zuvor, aus ihrer Quelle und schuf eine der eigenartigsten Gebilde der nordischen lyrischen Poesie überhaupt: „Salömo und Morolf". Schon die alte orientalische Sage, die im Mittelalter fortlebt, ist ja originell genug. Jetzt bemächtigte sich ihrer zwar ein moderner Mensch, der aber mit Vorliebe rückwärts schaute; es wurde nicht nur ein erotisches Intermezzo des frohen, jungen Spielers Morolf, der sich Sulamiths bemächtigt, sondern weit mehr. Levertin war selbst gewachsen, er gab seine Weisheitslehre, er fühlte sich fast wie Salomo selbst, mehr als gelehrt, klug, müde — über den Dingen erhaben. Schade nur, daß einige seiner Monologe und Zwiegespräche nicht von einem wirklichen Dichter ins Deutsche übertragen sind! Schade, daß der wunderschöne Schatz der neuen schwedischen Lyrik überhaupt so gut wie brach liegt für Deutschland! Aber wir lieben den tiefen, melancholischen Sänger, der den Mondhymnus Salomos schrieb, der von dem ewigen Webstuhl dichtete, wo nie etwas Neues gewebt wird, weil alles, alles alt und wieder alt ist; der den Traum von der Erde und den Winden besang, wo noch einmal die Sehnsucht des alten Mannes nach dem Leben, nach dem Licht, dem Meere und der Sommerwiese aufbricht; der zuletzt in Salomos Mittagshymne von dem großen Verzicht spricht, wie man sein Ich vergessen muß, wie jede Qual verstummt, und wie dann die Seele keimt und hofft, vereint mit dem großen Leben des Alls. Nur ein Spiegel will er sein. Wolken, die rasen, Blätter, die sausen, Flügel, die sich nach dem "Himmel heben, Stunden, die schwer brausen---alles will Salomo spiegeln. Und nichts wird sein stilles, strahlendes, kaltes Herz stören. — Mit diesem majestätischen Epilog schied Oskar Levertin aus dem Leben, viel zu früh, noch voll von Schaffenskraft. Aber schon lange mit den Blicken seiner großen dunkelbraunen Augen die Sterne suchend. 203

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