Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 1 (April 1929)
- Article
- Gobineau redivivus [Rezension]
- Date
- 1929-04-01
- Page
- 94 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895485-2899581--03469-2899713- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Friedrich v. Oppeln-Bronikowski: Gobineau redivivus reinrassigen Pulusatu der ägyptischen Urkunden (die Philister) später in das benachbarte Palästina abgedrängt wurden. Von diesen Völkern haben auch die Phönizier nach Wirth ihre Schrift, die Grundlage des griechischen und lateinischen Alphabets, entlehnt, nicht von den Hebräern der Sinaihalbinsel, wie H. Grimme behauptet. Nur in einem einzigen Falle,- der nordischen Musik, läßt Wirth einen positiven Kulturbeitrag nichtarischer Völker gelten. „Wo sich dies (finnisch-asiatische) Blut nur als Beimischung zugesellte, da vergeistigte sich jene andere Seite des nordasiatischen Barbaren, die weiche Schwermut und Empfindsamkeit, oft zu einer seelischen Tiefe, aus der der germanischen Tonkunst die herrlichsten Kräfte entstanden. Es ist die nordischostische Rassenmischung, der eine Reihe der größten Meister jener übersinnlichsten und transzendalsten aller Künste angehören, unter denen man nur Bach und Beethoven zu nennen braucht.'' Was jedoch der Orient zur Vertiefung des religiösen Fühlens und Denkens beigetragen hat, kommt für Wirth nicht in Frage. Und damit kommen wir zu dem wundesten Punkte seiner Theorie. Alle geistigen Werte, die nicht blut- und rassenmäßig bedingt und gebunden sind, gelten ihm nichts. Wäre eine Rückkehr zu einer starren Astralreligion möglich, die Welt müßte auf das Geistesniveau der Steinzeit zurücksinken. Das Alte Testament, die griechische und die nordische Mythologie und Kultur, die dreifache Wurzel unserer Bildung, müßte ausgelöscht werden. Das wäre wirklich die „Vernichtung aller höheren Werte", noch viel gründlicher als durch den heutigen Mammonismus, der sich doch noch manchmal um sie bemüht 1 Doch wir können uns nicht mehr in die zerrissenen uralten Blutzusammenhänge einbetten; selbst ein neuer Aufnordungsrummel könnte nichts mehr helfen, denn jeder Europäer könnte auf Grund von Wirths Buch den andern als Mischling ablehnen. Es bliebe also nichts weiter als die Gefahr einer Verketzerung aller durch alle, eines neuen Rassedünkels, dem jede Grundlage fehlt. Abzuwarten bleibt, ob unsere Rassenfanatiker dies neue Stichwort aufgreifen und wie sie es verfälschen werden, um es für den politischen Straßenkampf auszumünzen. Denn in der Theorie führt diese fanatisch überspannte Idee, die lediglich auf einer naturalistischen Ahnenprobe beruht, sich selbst ad absurdum. 94