Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 632 (sequence 3)
- Language
- German
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Anzeigen ständigkeit des Urteils das schwierige Problem behandelt, ist es ganz entgangen, daß zwar dem Judentum im allgemeinen die Askese fremd ist, daß aber einzelne Züge der Askese im alten Israel sich finden. (Vgl. Nasiräer und Rehabiten, die Essäer und Chassidäer nach dem Tode Juda Makkabis.) Auch später unter den Rabbinen kommen einzelne Asketen vor, z. B. Zadok, der wegen der nahenden Tempelzerstörung vierzig Jahre lang gefastet haben soll, Chanina b. Dossa, der sich mit einem Maß Johannisbrot für eine Woche begnügte, und Awin der Ältere, der an jedem Freitag fastete. Der Verfasser hätte auf Grund des ihm leicht erreichbaren Werkes von Moritz Lazarus „Ethik des Judentums" (S 2 46) feststellen können, daß die jüdischen Religionsphilosophen wie Saadja und Maimonides alle Arten der Askese wie Fasten, Zölibat, Absonderung bekämpft haben, daß aber Bachja ihn Pskuda die Askese empfiehlt als Weg zur Veredlung der Seele und Erlangung des Seelenheils im Jenseits. Die Askese sei für die Menschen notwendig wie Kunst und Wissenschaft. Nicht alle Menschen sollen Künstler und Gelehrte und nicht alle sollen Asketen werden, aber die es werden, sollen den anderen ein Vorbild sein. Noch weiter als Bachja, der vor den extremsten Konsequenzen zurückschreckt, geht Abraham b. Chija, der auch für die Zölibatsaskese eintritt. Der Verfasser hätte m. E. auch leicht in den Arbeiten von Leo Baeck über Mystik (Süddeutsche Monatshefte, Sonderheft u. a.) sich vergewissern können, daß auch in der jüdischen Mystik, der Kabbalah, einzelne asketische Züge sich finden, daß um Isaak Lurja in Safed ein Kreis von Mystikern sich bildete, die ein Leben mit ständigen Bußübungen und Sündenbekenntnissen führten, daß aber der Chassidismus, der das Erbe der Kabbalah antritt, die asketischen Gedanken ablehnt. Vielleicht wäre bei Benutzung der jüdischen Literatur manches der Ergebnisse anders ausgefallen, vielleicht aber auch hätte Einzelnes die These des Verfassers stützen können. Aber dieser Mangel soll in keiner Weise den großen Wert dieses Buches, das wirklich eine Fülle neuer Auffassungen zeigt, einschränken. Auch der gebildete jüdische Leser wird in jedem Falle dem Verfasser dankbar sein müssen für die Anregung, die ein Durcharbeiten des Werkes ihm bringt. Paul Lazarus. J. Benrubi: Philosophische Strömungen der Gegenwart in Frankreich. Felix Meiner, Leipzig 192S. 523 Seiten. M 35.— Jeder, dem philosophische Probleme im Engeren und weiteren Sinne interessieren, wird seine Freude haben an diesem wohlgelungenen, umfassend angelegten Werke. Ich habe es lange schon als Desiderat empfunden, ein verläßliches, auf Quellenstudien beruhendes Kompendium der französischen Philosophie zu besitzen, das nicht nur ein Nachschlagebuch ist (solches gibt es auch bei uns schon), sondern das von innen her die bewegenden Kräfte der französischen philosophischen Produktion im ig. Jahrhundert bloßlegt und die einzelnen Gestalten aus dem ihnen eigentümlichen geistigen Lebenszusammenhang zu verstehen versucht. Benrubi hat die Arbeit eines Vierteljahrhunderts darangesetzt, diese Aufgabe mit Erfolg und Geschick zu erfüllen. Die besonderen Umstände seines Lebens prädisponierten ihn dazu*. Er kennt als Schüler Euckens die deutsche Philosophie. Er hat dann lange in Paris im Verkehr mit Bergson und Bcutroux gelebt und hat schließlich in langjähriger Lehrtätigkeit an der Genfer Universität sich jene intime Kenntnis der französischen Philosophie erworben, die ihren Niederschlag in dem vorliegenden Werke gefunden hat. Viele Namen, die wir zwar in Deutschland kennen, die aber doch für uns meistens in der unbestimmten Flüchtigkeit einer textlichen Anmerkung geblieben sind, erhalten hier Forrr und Leben und empfangen den ihnen gemäßen Ort in der Geistesgeschichte. Mit großem pädagogischen Geschick werden schwierige Gedankengänge, z.B. die Bergsons, erhellt. Der Stil ist für einen Mann, der über dreißig Jahre im .französischen Kulturkreis gelebt hat, erstaunlich sicher und frisch — die innige Vertrautheit mit den deutschen Klassikern macht sich auch im Ausdruck erfreulich bemerkbar. Für eine Neuauflage, die dem auch nach Ausstattung und Druck trefflichen Buche bald zu wünschen wäre, hätte ich den Wunsch, daß die Zitate aus den Werken der besprochenen französischen Denker im Urtext wiedergegeben würden. Wer an einem solchen Werke Interesse nimmt, der kann besser den Urtext verstehen und würdigen als die Übersetzung. Denn mit wenigen Ausnahmen aus der Weltliteratur ist 632