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Der Morgen · 1929-02-01 · Heft 6 (Februar 1929) · p. 631

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 6 (Februar 1929)
Article
[Rezension]
Date
1929-02-01
Page
631 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen Züricher Pfarrer Oskar Pfister ab erster Theologe und Pädagoge die psychoanalytische Methode in seinem Berufe angewandt und durch eine Reihe von Veröffentlichungen insbesondere die Pfarrer und Lehrer für die damals noch neue Arbeitsweise zu gewinnen versucht. Später hat dann Pfister auf den Wert der Psychoanalyse für die Religionspsychologie hingewiesen, um durch diese neue Methode die Zusammenhänge der religiösen Prozesse unter die Schwelle des Bewußtseins zu verfolgen. In vorliegender Arbeit sucht nun Schjelderup ein Sondergebiet der Religionspsychologie, die Askese, vermittels der psychoä'nalyt'sehen Methode zu behandeln. Mag man auch im einzelnen sich oft zu den Ergebnissen in diesem Buche ablehnend verhalten, sicher ist, daß die psychoanalytische Methode für die Religionspsychologie im allgemeinen noch viel interessante und aufschlußreiche Dinge zu Tage fördern wird. Nach einer einleitenden Darstellung des Begriffs der Askese und ihrer Auffassung in der katholischen und evangelischen Kirche werden drei Fragen vorgelegt, deren Beantwortung im Lichte moderner psychologischer Untersuchung Inhalt des Buches sein soll. Was treibt den Menschen zur Askese? Welches ist ihre Wirkung? Und welches ihr Wert? Als Quellen der Untersuchung dienen vor allem Analysen,. Tagebuchaufzeichnungen früherer Erfahrungen aus zahlreichen längeren Aufenthalten in Klöstern Europas, Chinas, Japans und Indiens sowie die einschlägige asketische Literatur. Bei Betrachtung der Motive der Askese kommt der Verfasser zu dem Ergebnis, daß die Askese immer aus dem unbewußten Triebleben heraus begründet wird, daß wir überall hinter der asketischen Praxis eine bestimmte Wunsch¬ und Triebrichtung finden und daß die Askese nicht zur Triebverneinung, sondern ebensosehr Triebbejahung und Wunscherfüllung ist. An der Hand eines überaus reichen, interessanten Materials wird nun gezeigt, wie die Motive in jedem individuellen Falle verschieden sind. Bald ist die Askese Reaktionsbildung als Überkompensation eines besonders starken Trieblebens, bald ist sie Selbstbestrafung, aber immer kommt ihre Kraft von den unterdrückten Trieben her. Auch sado-masochistische, exhibitionistische, fetischistische und ähnliche Triebwirkungen wirken sich oft dabei aus. Hinsichtlich der Wirkungen der Askese geht der Verfasser davon aus, daß die asketische Unterdrückung des Trieblebens nicht ohne weiteres eine Überwindung der primären Triebe in dem Sinne bedeutet, daß diese vernichtet werden und verschwinden. Das Verdrängte lebt vielmehr unter der Schwelle des Bewußtseins fort, und versucht, sich aus der unbewußten Seelenregion wieder in das Bewußtsein hervorzudrängen, um sich in verschiedenen Manifestationen wie Träumen, Phantasien, Halluzinationen (Versuchungen) zu betätigen. Oder aber es gelingt, die Lebensenergie in den Dienst „höherer" geistiger Zwecke zu stellen, wobei es geschehen kann, daß die primäre Triebrichtung unverändert auf das neue Lebensgebiet übertragen wird und sich hier unter verdeckter Form auslebt, was zu einer Sexualisierung der höheren Zwecke führt. („Elevation".) Ebenso möglich aber ist es, daß eine wirkliche Transformation stattfindet, wobei die primären Triebe in einer sublimierten Form zum Ausdruck kommen. Das dritte Kapitel des Buches untersucht die Askese in ihren Beziehungen zur Mystik und deutet sie als Voraussetzung für den mystischen Prozeß, der in verschiedener Form als Elevationsmystik, regressiver Introversionsmystik und in einer Sublimierungsmystik aufgezeigt wird. Das Schlußkapitel sucht die Askese religiös-ethisch zu werten. Als allgemein religiös-ethisches Ideal kann die Askese nach Meinung des Verfassers nicht hingestellt werden, weil allzuviel Gefahren mit ihr verknüpft sind und den meisten Menschen die Askese keine wahrhafte Befreiung, sondern im Gegenteil eine starke Bindung ist, ein Aufgehen im vergeblichen Kampf gegen das unterdrückte Triebleben. Aber die Askese kann zum mindesten ein Schutz- und Heilmittel für den sein, dessen Wille nicht stark genug ist, das Triebleben normal zu beherrschen. Zu dieser negativen Wertung kommt der positive Wert der Askese, der in ihrer Bedeutung als Vorbereitung für die Mystik liegt. Wenn man vom jüdischen Standpunkt aus an die Beurteilung dieses Werkes herangeht, fällt sofort auf, daß die Stellung der Askese in der jüdischen Religion auch nicht mit einem einzigen Wort erwähnt wird. Dem Verfasser, der sonst über ein überaus großes religionsgeschichtliches Material verfügt, der mit ungeheurem Fleiß und großer Selb- 631

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