Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 579 (sequence 13)
- Language
- German
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Tüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert an seinem Schaffen teilnehmen: er teilte ihm u. a. die für die Psychologie der dichterischen Konzeption bedeutsame Tatsache mit, daß ihm bei der Erfindung des Herodes ein brennendes Rot vorgeschwebt habe. Kuh war Hebbel auch menschlich so teuer, daß er sich seinetwegen mit Gutzkow überwarf. Bereits i854 unterzog sich Kuh der Aufgabe, eine zusammenfassende Deutung der literarischen Persönlichkeit des Meisters zu geben; seine „Charakteristik Friedrich Hebbels" ist die erste ästhetisch-kritische Würdigung von geistesgeschichtlichem Format, um so bemerkenswerter in einer Zeit, wo ein Literarhistoriker vom Range Hermann Hettners den Dichter auf dem Wege zum Wahnsinn befindlich erklärte. Hebbel besaß als Erzieher nicht die Geduld und verstehende Güte des Bildners Goethe. Seine an launischer Härte Herder vergleichbare Umgangsform wurde allmählich der Freundschaft mit dem immer selbständiger und unabhängiger werdenden Kuh verhängnisvoll. Kuh hatte es voller Einsicht hingenommen, daß Hebbel seine eigene Poesie als eklektisches Epigonentum verwarf, er nahm aber daran Anstoß, daß der Freund sich über seine Ehe mit der Sängerin Adele Ferrari abfällig aussprach und ihn überhaupt wie zu Beginn ihrer Bekanntschaft geistig bevormundete: daher kam es zu einer unaufhaltsamen Entfremdung, ja schließlich Anfang 1860 zum offenen Bruche. Kuh beging ein schweres Unrecht, indem er seinen Meister nunmehr verleugnete, Hebbel litt unsäglich unter der Trennung, so daß es für ihn eine rechte Herzensfreude war, als auf seinem Sterbelager eine späte Versöhnung zustande kam. Kuh sühnte seine Schuld überreichlich dadurch, daß er jetzt wiederum mit der ganzen Kraft seiner gelehrten Kritik als Verkünder des toten Dichters auftrat Er erfüllte einen Herzenswunsch des Dahingeschiedenen, indem er i865 die erste Gesamtausgabe seiner Werke mit unermüdlichem Eifer herausgab, er errichtete dem Freunde sodann ein herrliches Denkmal in seiner „Biographie Friedrich Hebbels" (r. Aufl. 1877; 2. AufL 1907). Heute, wo der Reporter bei der Abfassung der Biographie dem Historiker vorgreift, steht man staunend vor dieser biographischen Meisterleistung, die nicht nur ein großes literarhistorisches Gemälde, ein Zeitbild origineller Prägung, sondern zugleich ein persönliches Bekenntnis enthält, eine Abrechnung mit sich selbst, einen Versuch, das entscheidende Erlebnis des eigenen Daseins von sich abzulösen. Diese Lebensbeschreibung, in der Tat „eine Frucht echtester Liebe", ist Fragment geblieben, denn der Tod entriß 579