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Der Morgen · 1928-12-01 · Heft 5 (Dezember 1928) · p. 518

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 5 (Dezember 1928)
Article
[Rezension]
Date
1928-12-01
Page
518 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen der Sprachen eben erst ein Jahrhundert überschritten hat, ist es ihr doch schon gelungen, einen Überblick über das gesamte Sprachleben der Erde zu gewinnen. Es werden etwa 1600 Sprachen sein, die man heute mehr oder weniger genau kennt. Zwei große Erfolge aber sind von der Sprachwissenschaft errungen: einmal die Erkenntnis bestimmter, gesetzmäßig ablaufender Entwicklungen imd Umbildungen im Laut- und Formbau, sodann die Zusammenfassung fast aller Sprachen der Erde zu großen Gruppen, die wir als „verwandte" Sprachen bezeichnen, deren Zusammenhang untereinander man deshalb oft in der Form eines Stammbaums dargestellt hat. Zuerst hat man die semitischen Sprachen als eine in sich eng verbundene Gruppe verwandter Sprachen erkannt. Das ist verständlich; denn die wichtigsten dieser Sprachen stehen einander so nahe, daß ihr Zusammenhang viel leichter erkennbar war als etwa der der indogermanischen Sprachen. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts bereits wurde der Zusammenhang des Hebräischen mit verwandten Sprachen erkannt. Seither sind vor allem durch die Entzifferung der Keilschrift das Akkadische, durch zahlreiche Inschriften mehrere Dialekte, vor allem das Südarabische, hinzugetreten. Sobald man den semitischen Sprachstamm im ganzen übersah, versuchte man auch, die gemeinsamen Wesensmerkmale dieser Sprachen zu bestimmen. Daraus glaubte man die gemeinsame Mutter aller semitischen Sprachen, das Ursemitische, bestimmen zu können. Endlich versuchte man eine Art lölkerpsychologischer Analyse der semitischen Sprachen zu geben, indem man sie als Ausdruck der geistigen Wesensart der Semiten verstand. In außerordentlich feinsinniger Weise hat Steinthal, der das sprachwissenschaftliche Erbe Wilh. von Humboldts übernahm, in dieser Richtung gearbeitet. Auch ein so bedeutender Kenner semitischer Sprachen wie Ernest Renan hat in geistreicher "W eise das Semitische zu schildern begonnen (i855y. Die Entdeckung zahlreicher Dialekte, die in alten Inschriften überliefert sind, sowie die Erforschung modemer Dialekte ließen eine Fülle neuer Aufgaben erstehen, die die Forschung von Jahrzehnten beanspruchen. Doch regte sich allmählich wieder das Bedürfnis nach einer Synthese, die in einer vergleichenden Darstellung der semitischen Sprachen ihren Ausdruck fand. Darin ging der Altmeister der Semitistik, Theodor Nöldecke, mit seiner kleinen Schrift „Die semitischen Sprachen" (2. Aufl. 1899) voran. Eine klare sprachwissenschaftliche Übersicht der Grundlinien des semitischen Sprachbaus gab dann der Assyriologe Heinrich Zimmern (Vergleichende Grammatik der semitischen Sprachen 189S). Ihm folgte mit seinem zweibändigen „Grundriß der vergleichenden Gramm, der semit. Sprachen" (1908. 1913) Karl Broclcelmann, der seinem großen Werke noch zwei kleinere Darstellungen folgen ließ. An diese Reihe schließt sich nun ein Werk des Professors der semitischen Philologie in München, G. Bergsträßers, an. Es unterscheidet sich von seinen Vorgängern wesentlich in seiner Anlage. Während Brockelmann nach dem Vorbilde der Indogermanistik jede sprachliche Erscheinung im Lautwesen, Formbau und Satz für sich behandelt und aus allen Sprachen das Material dabei zusammenstellt, schildert Bergsträßer die einzelnen semitischen Dialekte in den wesentlichsten Erscheinungen ihres Lautwesens, Form- und Satzbaus, gibt eine allgemeine Charakteristik der Sprachen und veranschaulicht die grammatische Schilderung an einem Text, der in lautgetreuer TJmschrift und Übersetzung mitgeteilt wird. Besonders interessant sind die Sprachschilderungen, die auch für Laien Interesse haben können und auf die wir deshalb hier besonders hinweisen. Zunächst werden die Züge hervorgehoben, die ein gemeinsamer Besitz aller semitischen Sprachen sind und deshalb als „ursemitisch" bezeichnet werden. Dafür kommt in Frage das dem Semitischen eigentümliche Verhältnis von Konsonant und Vokal, indem die Bedeutung einer Wortgruppe an den Konsonanten haftet, während die vielfach wechselnden Vokale die grammatische Geltung im Satz ausdrücken. Das zweite Kennzeichen des Semitischen ist, daß die weitaus meisten Worte aus drei Konsonanten, den sog. Radikalen, bestehen. Dabei ist als älterer Zustand vielfach noch erkennbar, daß ursprünglich zwei Radikale das Wort bildeten. Namentlich in Worten, die dem Urbesitz der Sprache angehören müssen, liegen noch solche zweiradikaligen Bildungen vor. Nun hat lange das Arabische wegen seines reich entwickelten und streng geregelten Sprachbaus als die semitische Sprache gegolten, in der der semitische Sprachgeist seinen reinsten, ursprünglichen Ausdruck fand. 518

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