Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 517 (sequence 2)
- Language
- German
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Anzeigen Und vor allem: Haß ist nicht mehr lenkbar, wenn man ihn im Kinde wachsen ließ — und niemand weiß, welchen u n e r - warteten und unerwünschten Lauf durch die kindliche Seele seine vergiftenden Ströme nehmen." Erich Stern. Harry Graf Keßler: Waith er Rathenau, sein Leben und sein Werk. Verlagsanstalt Hermann Klemm A.-G-, Berlin-Grunewald. 377 S. Geb. m 6.—. Das Buch ist fesselnd und belehrend zugleich. Es ist mit Liebe, d. h. mit innerem Verständnis geschrieben, von einem Manne, der viele Jahre mit Rathenau eng befreundet, selbst an den Geschehnissen dieser Zeit handelnd und beobachtend teilgenommen hat. Graf Keßler will das geistige Problem dieser tragischen, mit hoben Gaben ausgestatteten Persönlichkeit erschließen. Was hat im Leben Rathenaus die jüdische Abkunft bedeutet? Wäre Rathenau zwischen i84o und i85o geboren worden (er wurde 1867 geboren), so wäre er im beginnenden Mannesalter wahrscheinlich zur herrschenden Religion übergetreten oder wäre schon bei seiner Geburt der Kirche zugeführt worden. Es gab damals noch keine ausgebreitete antisemitische Literatur, noch keine pseudowissenschaftliche Rassenlehre, für die es bei der Beurteilung eines Menschen nur auf das Blut ankommt. Aber gerade in den geistig entscheidenden Jahren wurde Raihenau ergriffen von der Literatur ä la Chamberlain; sie vergiftete sein Gefühl eigner Selbstgeltung, daß er, wie Weininger, an aie Minderwertigkeil des Juden glaubte. Die Ariertheorie mit ihrer Unterwertung alles Semitischen drang lief in sein Wesen ein, — und wenn er auch später sich verstandesmäßig davon frei gemacht hat, gefühlsmäßig konnte er doch nicht davon loskommen. Auf Grund seines naiven Glaubens an die Auserwähltheit der nordischen Rasse ist er niemals antisemitischen Angriffen unbefangen entgegengetreten. Er konnte Zeit seines Lebens sich von dem Minderwertigkeitskomplex nicht frei machen. — Es gibt zwei Kompensationen dafür: Das Trotzjudentum und der jüdische Nationalismus. Für das erste entschied sich Rathenau, für das zweite Herzl. Beide Befreiungsversuche setzen Menschen voraus, die das Judentum niemals als erhebende, über die jeweilige Konfliktssphäre hinausführende Geistesmacht erlebt haben, Menschen, die religiös niemals in eigner Angel geschwebt haben: ein Judentypus, der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts weit verbreitet war. Rathenau wuchs in einem Elternhaus auf, das aller religiösen Traditionen und Formen bar war. Judentum bedeutete ihm nur etwas gesellschaftlich Quälendes. Wenn er über das Judentum schreibt, so spürt man (wie bei Wassermann) nur Unfriede und Unfreude. Nie bricht ein warmer Ton hervor. Er kritisiert fast wie ein Fremder gewisse gesellschaftliche Ungezogenheiten der damaligen Berliner Juden. Niemals ist seine Seele irgendwie ergriffen worden von der Symbolwelt des Judentums- Will mau die seelische Tragik dieser Persönlichkeit mit ein paar Worten zusammenfassen, so kann man sagen: Ein entwurzelter Jude, der aus Ritterlichkeit seine vielgeschmähte religiöse Gruppe nicht verläßt; ein Großindustrieller mit dem sittlichen Idealismus der Propheten; ein leidenschaftlicher Preuße mit den Gedanken eines Paneuropäers. Ein dem antisemitischen Rassenglaubcn gefühlsmäßig hingegebener Jude, der sich nicht befreien kann von den Nachwirkungen der Lektüre Chamberlains. Eine seelenvolle, künstlerisch bewegte Persönlichkeit mit einem vorstoßenden Verstände, der ihm die Naivität raubt. Ein zweckhaft gestaltender Wirtschaftsmensch mit schärfstem Blick für die wirtschaftlichen Realitäten, den aber Einsicht und Menschenliebe zum Bruch mit seiner Klasse treibt.' Ein Deutscher mit deutschem Grübelsinn, mit metaphysischen Sorgen, mit dem Sinn für das Prinzipielle. Hält man das Leben Disraelis daneben, wie es Maurois geschildert hat, — wie deutsch ist doch dieser Jude Rathenau, wie englisch der Jude Disraeli. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, wie wenig entscheidend für die innere Struktur eines Menschen, die Rasse ist, so muß der Vergleich Raihenaus mit Disraelis uns dazu zwingen. Gewiß, die Aufgaben waren verschieden — die Zeiten waren verschieden —, aber jeder war viel mehr ein Kind seiner Zeit und seines Dämons als ein Produkt seiner Rasse. J. Gold stein. Gotthelf Bergsträßer, o. Prof. der semitischen Philologie in München: Einführung in die semitischen Sprachen. Sprachproben und grammatische Skizzen. München 1928. Max Hueber, Verlag. (XV, 192 S. Brosch. i3.8o Mk., geb. i6.3o Mk.) Obwohl die wissenschaftliche Erforschung 517