Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 516 (sequence 1)
- Language
- German
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Anzeigen MichaelMüller-Claudius: Unsere Kinder werden nervöser. Sieben Kapitel an die deutschen Eltern. Hannover-Kirch rode 1928. Theodor Oppermann-Verlag. 78 S. Daß die moderne Hygiene überall da, wo es sich um die Bekämpfung körperlicher Krankheiten handelt, große Erfolge aufzuweisen hat, wird nicht bestritten werden. Aber sie bedarf einer Ergänzung: heute hat sich in allen Kulturländern eine Bewegung für „Psychische Hygiene" entwickelt, die der Erhaltung der psychischen Gesundheit dienen will. Diese psychische Hygiene muß in der Kindheit einsetzen. Damit dies geschehe, ist heute noch viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Das vorliegende Buch wendet sich an Eltern und will diese über Ursachen und Bekämpfung der kindlichen Nervosität unterrichten; als Heilmittel werden Werkarbeit, Wandern, Einteilen des Tageslaufes, Bestimmtheit und Festigkeil in der Erziehung, liebevolle, gerechte Strenge und Erziehung zur Duldsamkeit empfohlen. Das Buch erfüllt seinen Zweck in hohem Maße; man kann ihm nur recht viele verständnisvolle Leser wünschen. Zur Charaklerislik des Buches sei hier folgende Stelle aus dem VI. Kapitel hergesetzt: ».Gerade die Notzeit, die wir Deutsche mit Erbitterung durchmessen müssen, hat zugleich alle Gegensätze des innerstaatlichen Lebens und Wollens bis zur Verzerrung übersteigert. Die aufmerksame, wägende, prüfende, eifernde Teilnahme am Spannungsspiel verschiedengerichteler Meinungen, Methoden, Gesinnungen, Hoffnungen und Forderungen ist der Verachtung, dem Hohn, der Verfemung, dem Haß jedes Andersdenkenden gewichen — nicht nur im öffentlichen Erörtern, sondern bis tief ins private Leben hinein. Von hieraus aber wird allzuoft jener Haß ins wehrlose und arglose Herz des Kindes gesät. Es kann ihn nicht verstehen; es kann gar nichts von allen den Gründen ermessen, die hinter den heute so gern und nachhaltig geübten Verfemungen der Glaubensbekenntnisse, der politischen Überzeugungen, der Klassenforderungen stehen. Statt des unmittelbar angeschauten Lebens empfängt das Kind viel zu früh in verzerrenden Schlagworten eine Fülle abwertender Typenbilder: vom gierigen Kaufmann, vom ausbeutenden Unternehmer, vom vaterlandslosen Proletarier, vom gottlosen Protestanten, vom scheinheiligen Katholiken, vom zersetzenden Juden, vom rückschrittlichen Deutschnationalen, vom Demokraten mit dem Dolchstoß, vom frecheingebildeten Preußen, vom dumm-plumpen Bayern — man könnte das Wörterbuch dieser Verfemungen, die das volkslümliche Denken bevölkern, seitenlang vergrößern. Das Kind aber, das sie aufgreift, wird von ihnen mit den seltsamsten Phantasien angefüllt. Es übernimmt blind, gläubig und phantastisch erregt den Haß, dessen Entladungen es zu Hause erlebt hat — und wendet unbedenklich, gläubig und völlig blind Schimpf und Verhetzung in seinem Klassen- und Kameradschaftsleben an, und es währt nicht lange, bis es selbst mitten in Fehde, Streit, Hohn, Schimpf, Verfemung oder Dünkel steht um Dinge, an die sein Dasein, sein Wesen, sein Fühlen und Erkennen nicht im entferntesten heranreicht. Die Seele des Kindes bedarf zum Reifen der reinsten und klarsten Atmosphäre. Der Haß aber trübt und beschmutzt sie. Behüten wir die Kinder vor dem Haß. Haß ist ein Fremdkörper in der Seele des Kindes, der am Charakter und an den Nerven frißt. 516