Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Der Kampf der russischen Juden um die Menschenrechte
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 489 (sequence 1)
- Language
- German
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Der Kampf der russischen Juden um die Menschenrechte Von Mark Wischnitzer Die Juden leben in Osteuropa seit vielen Jahrhunderten. In Rußland waren sie schon zu Beginn der christlichen Zeitrechnung ansässig, an der Küste des Schwarzen Meeres und in der Krim. Im frühen Mittelalter bestand eine jüdische Siedlung in Kiew, und im Spätmittelalter findet man Juden in Großpolen, Kleinpolen, Masovien, Wblhynien und Litauen. Die mittelalterliche Emigration der Juden aus West- und Mitteleuropa nach dem Osten, verursacht durch die mit den Kreuzzügen verbundenen Verfolgungen, wurde beschleunigt und gestärkt durch die Förderung, die sie in den polnischen Ländern fand. Herzog Boleslaus der Fromme und König Kasimir der Große setzten sich für eine intensive Slädtekolonisation ein, die durch die einheimische durchweg agrarische Bevölkerung nur spärlich gefördert wurde. Deutsche und Juden wurden durch wirtschaftliche tind soziale Vorteile, die ihnen in Polen geboten wurden, ins Land gezogen. Die polnische Regierung versprach sich von den Einwanderern, die aus wirtschaftlich höher stehenden Ländern kamen, eine Hebung von Handel und Verkehr. Die gleiche Kolonisationspolilik befolgte Litauen, das unter dem Großfürsten Witowt Juden und Karäer berief. Die Rechte, die der jüdischen Bevölkerung in Polen und Litauen durch königliche, bezw. großfürstliche Privilegien im i3. bis i4- Jahrhundert versprochen werden, sehen vor: Persönliche Sicherheit, Religionsfreiheit, besondere Gerichtsbarkeit, Freizügigkeit, Selbstverwaltung, freie Ausübung von Handel und Kreditgeschäft, ein davon abgeleitetes Recht auf Bodenbesitz. Rein theoretisch mag die Rechtslage der Juden im mittelalterlichen Polen außerordentlich günstig erscheinen. In der sozialen Situation aber, die 489