Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1928)
- Article
- Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert
- Date
- 1928-12-01
- Page
- 475 (sequence 3)
- Language
- German
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Jüdische Freunde deutscher Dichter im neunzehnten Jahrhundert der wahrhafte Adel der Gesinnung nahmen ihn gefangen. Emanuel besaß die philosophische Bildung des aufgeklärten und reformwilligen jüdischen Deutschen seiner Zeit, er hatte Schriften eines Kant und Herder gelesen, Moses Mendelssohn hatte begreiflicherweise seine Denkart bestimmt Der bescheidene jüdische Kaufmann legte dem bedeutenden Dichter gegenüber anfänglich eine gewisse Schüchternheit an den Tag, aber sobald er der Wertschätzung Jean Pauls gewiß war, stimmte er in den vertraulichen Ton des überlegenen Freundes ein. Ein Briefwechsel, der sich über mehr als dreißig Jahre erstreckt, ist das Denkmal ihrer Freundschaft So sehr Emanuels Persönlichkeit dem Dichter gefiel, sprach auch ein starkes sachliches Interesse mit: nämlich der Wunsch, den jüdischen Mitmenschen in seiner wirklichen Gestalt kennen zu lernen. Wie so mancher christliche Deutsche war Jean Paul von Vorurteilen gegen den jüdischen Mitbürger nicht frei gewesen, allein eine einzige Begegnung mit einem Juden vom Range Emanuels genügte, um ihn von jener unbegründeten Abneigung zu kurieren; er sah jetzt durch den Schleier der Verleumdung hindurch das wahre Antlitz des Juden, er ermaß zugleich das ihm zugefügte bittere Unrecht, das in ihm nur das Verlangen steigerte» dem jüdischen Probleme näher zu kommen. „... Ich beklage es, daß ich die Unterdrückten fast bloß aus dem Munde der Unterdrücker kenne ...", schreibt er im April 1795 seinem jüdischen Freunde, den er zugleich um ausführliche Auskunft über verschiedene jüdische Gebräuche bittet Mit sicherem Blick erkannte er in der Religion den Urgrund des jüdischen Daseins. Emanuel zeigte sich gern willfährig, denn Jean Pauls wachsende Bewunderung für die jüdische Religion erfreute ihn, dennoch vergegenwärtigte er sich genau die Schwierigkeiten, die der stürmischen Wißbegierde des Freundes hindernd in den Weg traten. Trotzdem drang Jean Pauls Forscherwille über das Verständnis der Formen hinaus zu der Erkenntnis des unbedingten Sittengesetzes vor, das die jüdische Religion mit den anderen führenden Weltreligionen gemeinsam hat Die Worte, in die Jean Paul, den Friedrich Gundolf „unsere neben Goethe gewaltigste dichterische Begabung" nennt, seine endgültige Ansicht kleidet, zeigen ihn des Humanitätsideals unserer Klassiker würdig: „Ol jedes Zeichen der Andacht ist ehrwürdig, unter jedem Volk — 475