Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- [Rezension] / G. G.
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 417 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
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Anzeigen Kräften des Leibes und der Seele bezahlt. . . Im Kriege und nachher lernten wir verstehen, was für ein Leben die Mehrzahl der Menschen in einem modernen Staat führt. Wir hatten es uns wohl früher vorgestellt und es bedauert, aber nun hämmerte uns die Erfahrung ganz und gar anders als alle Phantasie ein, wie es ist. Das war eine der großen Lehren des Krieges, die alles Leben hätte umgestalten können." — Ich möchte hinzufügen, es leider aber nur für allzu kurze Zeit tat! Hätte mancher unter uns ein bessres Gedächtnis — die Not wäre nicht gar so hart, die Gegensätze nicht gar so schroff, als sie es oftmals heute sind. — In dem Sammelband: „Führende Frauen Europas" sprechen zu uns Frauen aus allen geistigen Berufen — ohne Berücksichtigung jeglicher parteipolitischen Einstellung —, deren Leistungen bis weit über die Grenzen ihres Heimatlandes hinaus anerkannt sind, von ihrem Werden, ihrer Entwicklung oder erzählen in fast aphoristischer Kürze von ihrer Lebenslinie oder von ihrem Arbeitsgebiet. Wenn man liest, wie hier Frauen schwer ringen und leiden und sich nur nach harten Kämpfen und Opfern durchsetzen können in ihren Berufen, sei es als Universitätsdozentinnen, als Kapellmeisterinnen, Politikerinnen, Beamtinnen u. a., so liegt es nahe, an das Schicksal mancher jüdischer Forscher und Gelehrten zu denken. Hier wie dort hat erst spät die Emanzipation eingesetzt. Hier wie dort sind ähnliche Hindernisse und ähnliche Vorurteile zu überwinden gewesen. Alice Salomon eröffnet den Reigen dieses i. Bandes, dem später noch weitere folgen sollen. Die junge Generation kann bei der Lektüre hier schaudernd erfahren, wie früher das Leben der höheren Töchter verrann: Ein Minimum an Schulbildung — ein Maximum an weiblichen Handarbeiten. Stunden- und stundenlanges Sitzen bei feinsten Stickereien verkümmerten den Körper — das Warten auf den Mann als einziges Lebensziel verkümmerte den Geist. Daß in jenen achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts bewußte Frauen auftraten, diesen Zuständen ein Ende zu bereiten, daß sich damals Frauen zu verantwortungsvollem Handeln verbanden, daß sie auf sozialem, wissenschaftlichem und rein menschlichem Gebiet das schufen, was wir heute kurz als „Frauenbewegung" bezeichnen. — dafür sei ihnen unser Dank dargebracht und der unsrer Töchter. Es führte zu weit, alle die Frauen, die uns in diesem Bande aus ihrer Werkstatt, ihrem Laboratorium, von ihrer Schreibtischarbeit, dem sozialen Dienst, ihrem Wirken und Streben erzählen, zu nennen. Ich greife einige heraus: Ihr Wirken ist heute so bekannt, daß £bx Name genügt. Rhoda Erdmann, Irene Corbett-Ashby, Mary S. Allen, Else Richter, Gertrud Johanna Woker, Henni Forchhammer, Elisabeth Kuyper, Alexandra Kollontay, Käthe Kollwitz, Selma Lagerlöf, Gina Lombroso- Ferrero. Aus diesem Buche erkennt man, daß es zwar keine besondere Frauenwissenschaft gibt, wohl aber Aufgaben, die in besonderem Sinne weibliche Aufgaben, Berufe, die in besonderem Maße weibliche Berufe sind. — Diese drei Werke geben uns eine Fülle von Anregung und innerer Bereicherung. Sie ermutigen uns auch, selbst etwas niederzuschreiben aus dem Leben vergangener Zeiten, von unsern Voreltern, die so ganz andre Menschen waren, in einem so ganz andern Lebensrhythmus und Lebensstil noch gelebt, und deren Lebensschilderung auch unsern Kindern und Enkeln versunkene Zeiten wieder licht machen, ihnen manche andren Werte und Bewertungen geben könnte. Das Buch von Helene Christaller gibt Anregung, Werden und Entwicklung der eigenen Kinder einmal festzuhalten und zu schildern. Es ist durchaus nicht nötig, solche Aufzeichnungen in künstlerisch vollendeter Form zu schreiben — das ist freilich nicht jedem gegeben — sie sollen gar nicht zur Veröffentlichung bestimmt sein. Sie seien nur ein lebendiges Denkmal für spätere Generationen. — Wenn man in die Vergangenheit hinabsteigt, wenn man sich in das Leben seiner entschwundenen Lieben versenkt, wenn die Werdejahre unsrer Kinder an uns vorüberziehen, dann muß ein jeder von uns zum Dichter werden. G.G. Die Religion in Geschichte und Gegenwart. 2. Aufl. Hrsg. von Hermann G u n k e 1 u. Leopold Zschanack. Lfgen. 35 bis 38 [Bd. 2: Bogen 36—£7.] Sp. 1122—i5o4. Tübingen: Mohr 1928. 4°. Je 1.80. Größere Artikel u. a.: Gesetz: I. Religionsgeschichtlich (v. d. Leeuw), II A. Im A. T. (Seeger), IIB. Im nachbibl. Judentum 417