Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- [Rezension] / G. G.
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 416 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
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Anzeigen noch ein Kind war. Die rührend schlichtera Seiten wird jeder, auch wer das Haus Christaller nicht kennt, mit Ergriffenheit und innerem Gewinn lesen. Die beiden Bände von Julie Schlosser „Aus dem Leben meiner Mutter" sind lebendig und anregend geschrieben. Wie die Tochter das Leben der Mutter ins allgemein Menschliche erhebt — das macht das Buch besonders anziehend. Im ersten Bande lesen wir vom Leben der Gräfin Lilla Rehbinder. Geboren als Tochter eines baltischen Grafen, widmet sie sich, trotz aller Standesvorurteile, dem Lehrberuf, um ihren verarmten Eltern und Geschwistern eine Stütze zu sein. Sie lebt Jahre lang als Erzieherin in baltischen Adelshäusern, um dann in Mitau einer eigenen Schule vorzustehen. Ihr Ruf dringt nach Deutschland. Die Großherzogin Luise von Baden beruft sie an ihr Internat nach Mannheim, wo sie in dornenvoller Arbeit ringt, bis sie, nach dem Zusammenbruch der Anstalt, in Karlsruhe ein eignes Pensionat einrichtet und leitet. Der Zauber, der bis ins späte Alter von ihr ausging, muß groß gewesen sein. Dabei ist es bemerkenswert, wie fern sie aller Theoria stand. „Sie war Autodidakt in ihrem Beruf. Nie war sie auch nur eine Stunde in Pädagogik, Methodik oder Psychologie unterrichtet worden. Sie mußte im Leben und Erziehen alles selbst ausprobieren . . . für ihre Haupte aufgäbe hatte niemand ihr ein eignes Rüstzeug mitgegeben." Der zweite Band hebt in dem Augenblick an, da sich die Weissagung des Vaters von vor i5 Jahren aufs Wort verwirklicht: „Du wirst alle guten Partieen ausschlagen; wenn Du dann 34 bist, heiratest Du einen Witwer mit sechs Kindern." Die Institutsvorsteherin Gräfin Lilla Rehbinder, die Grafen und Offiziere ausgeschlagen, heiratet 1881 den fast 20 Jahre älteren Pfarrer Schlosser zu Sachsenhausen bei Frankfurt a. M. Neben den sechs Stiefkindern wird ihr noch ein eignes Kind, Julie, geschenkt, der wir das vorliegende Werk verdanken. In diesem 2. Bande wird das Leben der jungen Pfarrfrau geschildert, ihre Ehe, die gegründet war auf Kameradschaft, Verstehen und gemeinsame Arbeit. Den Tod des Gatten, den Frau Lilla lange schon vorausahnte, kann sie nie verwinden. Wie sie aber ihr Leben umstellt, wie ihr Haus eine Heimstätte wird den Pensionärinnen, die sie aufnehmen muß, um mit Julie zu leben — die sechs Stiefkinder sind in der Zwischenzeit verheiratet oder aus dem Hause gezogen — ist warm und lebensvoll geschildert. Allmählich entsteht zwischen Mutter und heranwachsender Tochter, die Lehrerin wird, ein freundschaftliches Verhältnis. Das Eins- Sein dieser beiden Frauen war vielleicht gerade deshalb so schön und verklärt, „weil die Mutter stets fühlte, daß sie die Tochter nur hielt, wenn sie sie losließ, wo eine Lösung geschah. . ." Sie mußte die Ansprüche einer Mutter aufgeben, um eine Freundin zu werden. „Diese Kunst erwarb sie in der Vollendung; wie viel es sie kostete, ermesse ich nicht." „Hundertmal hatte sie gesehen, daß Eltern diese Umstellung versäumten und ihre Kinder dadurch verloren, daß sie sie nicht neben sich, sondern stets unter sich haben wollten. Vor diesem Fehlgriff hütete sie sich wie vor Feuer. Sie räumte der Seele, die sie von ihrem Werden an gepflegt hatte, freiwillig den Platz an ihrer Seite ein. und einzig ihre große Liebe war es, die es ihr sicherte, daß sie immer und ewig die Mutter blieb, zu der die Seele heimverlangte." Mutter und Tochter leben so zusammen bis zum Tode der Mutter (1918), zuletzt in Altenburg, wo Julie sich dem höheren Lehrberuf hingibt. Dort erleben sie den Krieg mit all seiner Not und all seinen Entbehrungen. Einige allgemeine Betrachtungen aus jener Zeit sind wert, hier angeführt zu werden: „So wie wir lebten, lebte aber die Masse der Menschen schon seit Jahrzehnten. Das Proletariat kannte es nicht anders, als daß sein Leben um die kleinsten Dinge kreiste, und daß bei aller langen und öden Arbeit es doch niemals aus der Sorge, Häßlichkeit und Enge des Lebens herausfand. Es kannte es nicht anders, als daß es in zu engen, ungesunden Räumen lebte, es kannte das Wohnungselend lange, ehe wir anderen es erfuhren. Vielleicht litt es nicht so darunter, weil es keinen Vergleich machen konnte, — dies wurde tausendmal gesagt. Umgekehrt aber besaß es auch die Hilfsquellen nicht, die wir trotz allem hatten; es hatte keine hellen reichen Erinnerungen und nicht die Zuflucht in geistige Freuden, die für uns immer einmal wieder da waren- Daß es nichts anderes kannte, das hatte es auch schon mit wertvollen 4X6