Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Die Einheit der Bibel
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 403 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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- IRI
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Die Einheit der Bibel nicht ein „Kunstwerk" werden, sondern eine Übersetzung, ihre Treue und Untreue. Und anerkannt oder verworfen, im ganzen oder im einzelnen, der Glaube, der hinter der Treue, hinter ihrer Art und ihrem Grad, steht. Das darf, wenn nicht die Übersetzung, so doch gewiß das Übersetzte fordern. Ich bin Ihr in Verehrung ergebener Franz Rosenzweig. Nachbemerkung. Da ich weiß, wie Gedrucktes gelesen wird, füge ich dem Abdruck dieses Briefs noch ein Wort an, das zwar für den Leser, der aus dem Gelesenen erfahren will, was der Schreiber meint, ganz unnötig ist; da es aber diesen Leser nur gegenüber Tinte gibt und Druckerschwärze die magische Kraft hat, den Leser, jeden Leser, in einen zu verwandeln, der schon bei der Überschrift, ja schon beim Namen des Verfassers genau weiß, was er lesen wird, und wirklich nichts andres lesen wird als er weiß: so ist es doch nötig. Das in dem Brief Gesagte meint nicht eine Scheidung zwischen „Wissenschaft" und „Religion". Diese Scheidung, der vorletzte Schrei der protestantischen Theologie, scheint jetzt bei unsem neusten „Irrationalisten", mit dem beim Judentum nun einmal üblichen akademischen Vierteljahrhundert, dernier cri werden zu wollen. Er stammt von Kant — um so schlimmer für Kant! er stimmt sich auf die Barth- und Gogartenweis — um so schlimmer für Barth und Gogarten! Wenn Wissenschaft und Religion nichts voneinander wissen wollen, aber doch voneinander wissen, taugt weder die Wissenschaft noch die Religion etwas. Es gibt nur eine Wahrheit. Zu einem Gott, den er als wissenschaftlicher Mensch leugnet, kann kein Ehrlicher beten. Und wer betet, kann Gott nicht leugnen. Damit ist noch nicht gesagt, daß der Gelehrte Gott in seinem Reagenzglas oder in seinem Aktenfaszikel feststellt. Aber der Inhalt des Reagenzglases sowohl wie des Aktenfaszikels existierte nicht ohne Gott. Gott ist nicht Gegenstand der Wissenschaft, das ist die Welt. Aber Gott hat die Welt, also den Gegenstand der Wissenschaft geschaffen. Er ist also, um es nun nicht mehr deutsch und also unverständlich, sondern in den üblichen und also anscheinend gemeinverständlichen Fremdworten zu sagen, der Wissenschaft zwar transzendent, aber auch transzendental: sie hat ihn nicht, aber sie wäre nicht ohne ihn; er ist nicht in ihr, aber sie ist unter ihm. Das ist aber auch nicht ohne Konsequenzen im Einzelnen. Das Wort von Helmhpltz: er würde einem Optiker, der ihm einen solchen optischen Apparat wie das Auge anbrächte, ihn zurückgeben, könnte ein gläubiger Forscher nicht sagen; er würde zwar nichts gegen Helmholtzens Beurteilung des Auges als mangelhaften optischen Apparats einzuwenden brauchen, aber er würde daraus folgern, daß also das Auge noch etwas andres ist als ein — optischer Apparat. Ein Beispiel andersherum: In der englischen Geschichte kommt Ranke auf den Konflikt in Königin Mary zwischen dem Gefühl der Tochter und der Gattin zu sprechen und sagt: Ich glaube an die innere Wahrhaftigkeit der Menschen in großen innern Entschließungen. Ranke, der Begründer der modernen kritischen Methode, glaubt. — Und wie würde sich 403