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Der Morgen · 1928-10-01 · Heft 4 (Oktober 1928) · p. 358

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 4 (Oktober 1928)
Article
Warum ich Jude bin
Date
1928-10-01
Page
358 (sequence 5)
Language
German
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Edmond Fleg Man findet ihn! Der Gott Israels, der Gott der Gerechtigkeit und der Rache ist zugleich Gott-Vater, der Gott der Liebe, der Gott der Vergebung. Er vergibt bis ins tausendste Glied; selbst seine Gerechtigkeit ist voll Milde; er straft nur, wenn das Maß voll ist, wenn allein die Züchtigung Reue und Buße zeitigen kann; ein zerknirschtes Herz bewegt ihn mehr als alle Gaben der Erde. Und wenn die Geschichte Israels die Geschichte von Gottes Züchtigungen ist, so ist sie auch, und noch um vieles mehr, die Geschichte von Gottes Gnade. * * * „Liebe den Ewigen, deinen Gott, von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen." Dieses Wort, das Jesus spricht, stammt von Moses! * * * Wie? Das ganze Vaterunser? „Unser Vater, der du bist im Himmel ... Gesegnet sei dein Name ... Dein Reich komme ... Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden ... Unser täglich Brot gib uns heute ... Vergib uns unsere Schuld ... Führe uns nicht in Versuchung ..." Jeder dieser Sätze, die Jesus in seinem Gebet ausspricht, ist ein jüdischer Satz! * * * Was wäre also der Unterschied zwischen Judentum und Christentum? Die Nächstenliebe, hat man mir gesagt; große Erfindung des Christentums?... Doch nein. Der Hebräer der alten Zeiten soll seinen Sklaven mit Milde behandeln, ihn nach Verlauf von sieben Jahren freigeben und belohnen; den als Pfand genommenen Mantel nachts zurückstellen; die Garben seines Feldes dem Armen, den Witwen und Waisen überlassen; den Fremden lieben wie einen Bruder. Der Jude der Epoche des Talmud soll seine Tür dem Armen öffnen, als wäre er ein Mitglied seiner Familie, gegen Juden und Nichtjuden wohltätig sein, Greise anderen Glaubens wie jüdische Greise ehren, fremde Tole wie eigene Tote begraben, die Weinenden trösten. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.'* Auch dieses Wort stammt von Moses. * * * Und jene Worte aus dem Talmud über die Einigkeit der Menschen: „Wer barmherzig gegen seinen Nächsten ist, stammt von Abraham." „Warum hat Gott bei der Schöpfung der Welt nur einen einzigen Menschen 358

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