Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1928)
- Article
- Galuth
- Date
- 1928-10-01
- Page
- 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Dieaemaon: Galuth man schon einmal diese fließenden Ausdrücke gebrauchen will, sind geeint durch die gleichen religiösen Inhalte ihrer Seele, durch den gleichen religiösen Kulturbesitz, auch bei stärkster Verschiedenheit des Brauches und des Frömmigkeitsausdruckes. Aber es ist erklärlich, daß mancher Ostjude in Deutschland zu der Frage der seelischen Einstellung zu Deutschland als Heimat der Seele, sich anders verhält, als der mit Deutschland innerlich verwachsene Westjude. Man spricht, wo jüdische Fragen mit diesem Problem in Berührung kommen, eine verschiedene Sprache, geht, sich selber nicht bewußt, von andern Voraussetzungen aus und kommt zu anderen Folgerungen, die man gegenseitig nicht versteht, und hinter denen man Feindschaft oder einen das Judentum, wie man es selbst auffaßt, auflösenden und schädigenden Willen wittert Und je mehr unsere Gemeinden zu Sozialgemeinden werden, die berufen sind, den Körper der Religionsgemeinschaft für die religiöse Idee zu erhalten und zugleich die besondere Art und geistige Prägung zu wahren und zu pflegen, die der Judenheit einer bestimmten Landschaft geschichtlich zu eigen geworden ist, je mehr Aufgaben ihnen darum zuwachsen, die nur zu lösen sind im Einklang mit der gesamten geistigen Atmosphäre des Landes und also einem selbstverständlichem Heimatgefühl, um so stärker wehrt man sich gegen manches Wort von Heißspornen, die sich zumeist ihrer Verantwortung nicht bewußt sind, die aber doch demagogisch aufzuwühlen imstande sind, gegen manches Wort, das aus anderen Voraussetzungen als denen des seelisch auf Deutschland gerichteten Juden quillt, und um so mehr fürchtet man eine Überfremdung. In diesen Blättern sind keine politischen Fragen der Gemeindepolitik zu erörtern, es wird darum zu keinem in dies Gebiet fallenden Streitpunkt der Gemeindepolitik Stellung genommen, — daß Gerechtigkeit oberstes jüdisches Gesetz ist, ist zu selbstredend, als daß man es noch sagen und sie empfehlen müßte, — es soll hier nur eine Erklärung gesucht werden für Vorhandenes, denn alles Erklären hilft dem Verstellen; hilft dazu, einander zu begreifen, beseitigt Feindschaften, die aus dem Nichtverstehen kommen, und löst Ressentiments aus. Galuth-Verneinung, Gaiuth-Bejahung — es muß jeder einen festen Standpunkt gewinnen und darf der Entscheidung nicht ausweichen, und aus seiner Entscheidung muß er jüdische Arbeit leisten und an der Erhaltung des Judentums arbeiten. Die Wege der Vorsehung kennen wir alle nicht, den Schleier dieses Geheimnisses kann kein Auge durchdringen; welches unsere lebendige Zukunft sein wird, weiß niemand Aller menschlichen Weisheit Ende bleibt: aus seiner Überzeugung handeln und Gott allein als Wirkenden zu bekennen. 334