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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 312

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
[Rezension]
Date
1928-08-01
Page
312 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen unterwertigen Äußerungen der Ghettofrömmigkeit wiedergegeben; liest man diese Schilderung, so möchte man meinen, das Judentum sei nichts weiter als ein Gemisch von lächerlichem Aberglauben und ein einziger Wust von drückenden und lästigen zeremonialen Forderungen, nichts von seiner Ethik und seiner Menschenliebe ersteht da. Ja, noch mehr, es werden Sätze aus diesem Kreis des talmudischen Schrifttums verzerrt wiedergegeben. Da wird z. B. ein Satz, daß man nicht gehalten sei, den Irrtum des Volksfremden aufzuklären, gedeutet, als besage er glatt und umfassend, daß man nicht gehalten sei, den einem Nichtjuden gehörenden Fund dem Eigentümer zuzuführen, als sei damit erwiesen, daß der Talmud alle Moral nur innerhalb der Glaubensgemeinschaft kenne; -n Wahrheit gehört jene Äußerung des Talmuds zu den in der hadrianischen Zeit erlassenen Kriegsgesetzen gegen feindliche Ausländer, die eine rechtliche Verpflichtung nur da anerkennen wollten, wo auch die Gegenseitigkeit verbürgt ist, Kriegsgesetze, die zeitlich begrenzt waren. Aus ihnen abwertende Schlüsse zu ziehen, wäre das gleiche, als wollte jemand aus den Kriegs- und Konfiskationsgesetzen der Staaten im Weltkriege den Schluß ziehen, die christliche Moral gebiete die Konfiskation des Eigentums des Ausländers und kenne eine sittliche Verpflichtung nur gegen den Volksgenossen. Ein talmudisch Geschulter, bei dem sich zum naiven Lernen die Wissenschaftlichkeit und das kritische Verständnis des deutschen Professors gesellen, sollte diese Zusammenhänge kennen. Und der in der Frömmigkeit des Ghettos Aufgewachsene darf und muß wissen, daß der Schulchan Aruch -iit besonderem Nachdruck gebietet, selbst den Schein einer Beeinträchtigung, geschweige denn die vollendete, als eine Entweihung des Namens Gottes zu meiden. Bei einem antisemitischen Nichtwisser wäre solch eine Darstellung nicht verwunderlich, bei dem Verfasser macht sie traurig, sie ist nur zu erklären aus dem unbewußten und unterbewußten Bemühen, das ressentiment vor sich selbst zu begründen und als berechtigt erscheinen zu lassen. Bei der Wiedergabe hebräischer Texte wird die angestrebte wörtliche Übersetzung mitunter zur nicht sinngemäßen. So sind z. B. die einleitenden Worte einer Hochzeitseinladung kol chassun wekol kallah mit „Ruf des Bräutigams, Ruf der Braut" übersetzt, während sie eine in den Musivstil solcher Briefe gehörige Wiedergabe des Trauungssegens sind und objektiv bezogen zur „Huldigung des Bräutigams und der Braut" auffordern und so übersetzt werden müssen. Zusammenfassend ist zu sagen: als Kulturdokument interessant, als persönliche Äußerung ohne den Duft und die Gefühlswärme, die man bei Jugenderinnerungen nur schwer entbehrt; die Sprache hätte man sich flüssiger gewünscht. Max Dienemann. S. Poljakoff: Sabbatai Zewi. Roman. Weltverlag, Berlin. (Heinebund.) Unter den jüdischen Problemen" ist das des falschen Messias eins der interessantesten, das zur dichterischen Darstellung reizt; das komplizierte Entstehen des Wahns in der Brust eines Einzelnen, und im Gegensatz dazu der in der Menge elementar vorbrechende Glaube. — Poljakoff erzählt fesselnd die Geschichte des Sabbatai Zewi. Zwar fehlt ihm die letzte dichterische Kraft und Eindringlichkeit, den Leser mit hineinzureißen in das Geschehen, ihn aus einem Zuschauer zum Miterlebenden zu machen. Die Gedankenarbeit des Verfassers steht immer sichtbar vermittelnd zwischen dem Leser und der Geschichte. Nur wenige Szenen, wie der Abend des neunten Ab vor der polnischen Synagoge, der Morgen nach dem Pogrom, das in seiner Messiashoffnung getäuschte Volk, sprechen unmittelbar zum Herzen. Doch ist das Buch interessant und unterhaltend zu lesen. E.S.C Israel Rabin: Vom Rechtskampf der Juden in Schlesien (i582 bis I7i3). Breslau 1927. (84 und XX S. Wissenschaftliche Beilage zum Bericht des jüdisch-theologischen Seminars Fraenckelscher Stiftung.) Schlesien ist so glücklich in Markus Brann einen Historiographen gefunden zu haben, der in mustergültiger Weise „Die Geschichte der Juden in Schlesien" (Breslau 1896—1917) geschrieben hat. Diese Provinzialgeschichte ist bisher unerreicht, freilich auch unvollendet geblieben. Branns Nachfolger auf dem Lehrstuhle der Geschichte am Breslauer jüdisch-theologischen Seminar, Israel Rabin hat zum ersten Male schlesischen Boden in seiner Schrift „Die 312

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