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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 311

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
[Rezension]
Date
1928-08-01
Page
311 (sequence 3)
Language
German
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Anzeigen nen, wie durch sie der polnische Jude zu einem gefügigen Werkzeug des polnischen Adels wurde. Wir schauen die Leiden der russischen Juden unter dem grausamen System des Zarismus, wir erhalten aber auch Kunde von dem starken religiösen Geist, der im Chassidismus seinen Niederschlag fand. In den beiden folgenden Kapiteln beleuchtet Lamparter die Religion Israels und des Judentums. Wir hören da von der Jahweverehrung in Aitisrael, hören, wie sich das Gottesbewußtsein im Laufe der Zeit zu einer höheren Stufe der Vergeistigung und Versittlichung emporschwang, schauen die kraftvollen Gestalten der Propheten, erleben es, wie nach dem nationalen Zusammenbruch die zähe Lebenskraft des kleinen Stammes Juda die Gründung der judäischen Religionsgemeinde veranlaß te, wie sich dann in Palästina ein reges religiöses Leben der Juden entfaltete, wandern mit den jüdischen Kolonisten hinaus in die Diaspora, wo sich eine Gegenströmung entwickelte, das hellenistische Judentum. Doch stets blieb die Suprematie des jüdischen Glaubens erhalten, ohne irgendwelche Preisgabe des religiösen Erbgutes. Im sechsten Kapitel widmet der Verfasser einen breiten Raum dem Problem „Judentum und Christentum". Christologie, Messiasidee, Begründung der christlichen Lehre, deren Weiterbildung und Verbreitung durch Paulus werden hier behandelt, ebenso die anfänglichen Strömungen „Judenchristentum und Heidenchristentum", jene Periode des Verstehens, des Sichverwandtfühlens zwischen Judentum und Christentum, bis dann unter dem Einfluß paulinischer und johanneischer Theologie die Kirche allmählich ihre Verwandtschaf t mit dem Judentum vergaß. Erst im modernen jüdischen Schrifttum zeigen sich wieder Ansätze innerer Annäherung zwischen Judentum und Christentum. Verfasser geht auch auf die innerjüdischen Strömungen ein, auf die Bestrebungen religiöser Reformen, die aus dem Gedanken heraus geboren wurden, daß „die starr an der talmudisch-rabbinischen Überlieferung festhaltende Gesetzlichkeit mit der neuea Gedankenwelt sich nicht in Einklang bringen lasse". Das letzte Kapitel gilt dem Talmud und der jüdischen Sittenlehre. Mit diesen Ausführungen sucht der Verfasser den falschen Meinungen über das leider so verfemte Buch den "Boden zu entziehen. Das Buch bedeutet eine Tat der Entgiftung, eine Kulturtat; denn sein Inhalt will zur Gerechtigkeit und Wahrheit gegen das Judentum anspornen, will das Gefühl der Ehrfurcht und Hochachtung vor jüdischem Wesen und Streben wachrufen zum Nutzen und Frommen unseres deutschen Volkes. Tolle legel Franz Rödel. Au± rauhem Wege. Jugenderinnerungen eines deutschen Professors. Alfred Töpelmann. Gießen 1927. 2i5 S. Der beherrschende Eindruck, den man von dem Buche empfängt, ist der eines starken Mitleids mit dem Verfasser ob seiner Jugend. Er ist hervorgegangen aus einer polnischjüdischen Gemeinde der siebziger Jahre; in der damals noch in ungebrochener Form gehandhabten Ghetto-Erziehung und in der eigentümlichen Atmosphäre der Ghetto-Luft ist ihm die Jugend so verkümmert worden, daß sich ihm in der Erinnerung seine Jugendjahre und das jüdische Leben des Ghettos ohne jeden Schimmer von Traulichkeit, von Gemütvollem und Romantischem wiederspiegeln, daß ihm die in diesem Leben waltende Innigkeit nicht im Bewußtsein geblieben ist, daß er ihm nur mit ressentiment gegenübersteht. Das Buch hat zwei Teile, eine Schilderung des jüdischen Lebens in religiöser Zeremonie und Volkssitte und die Erzählung von dem mühevollen Pfade des jungen Menschen, der dem Ghetto entflohen, buchstäblich entflohen, sich seinen Eintritt in die deutsche Bildungswelt, den Weg durchs deutsche Gymnasium und auf die Universität erhungern und erkämpfen mußte. Wer diese Verhältnisse und die aus ihnen staunenden Menschen mit gleichen Schicksalen kennt, findet in diesem Teil mehr ein Typisches als ein Individuelles. Er zeigt das Büd eines außerordentlich begabten Jünglings, eines bei aller Jugend schon «charf Beobachtenden. Ob alles richtig gesehen war? Ich erinnere mich mancher der geschilderten Gymnasiallehrer und habe sie anders gesehen. In diesem Teile bricht auch wohltuend der Strahl eines dankbaren Gedenkens an mancherlei genossene geistige Förderung hindurch. Der andere Teil, die Darstellung des Lebens im Ghetto, gegeben im Rahmen des jüdischen Fest- und Fastenkalenders, entbehrt, wie bereits gesagt, jedes Widerklingens der Innigkeit, der Hingabe und des Gefühls, die bei aller Dumpfheit, bei aller Enge und Fessel und auch in dem abstrusesten Aberglauben in der Religiosität des Ghetto waren. Es sind fast nur die 311

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