Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 310 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895479-2898970--02945-2899096- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Anzeigen Siedlung Palästinas, wie es die zionistische Bewegung unternimmt, keine Lösung. Wer von der Zukunft des Judentums reden und entscheidende Zukunftswege zur Lösung der jüdischen Frage sehen will, dessen Blick muß sich nach Westeuropa richten, ob dort wirklich durch Weltkrieg, Revolution und Demokratie der Boden für eine innere Verbindung zwischen jüdischem und christlichen Volksteil bereitet wurde. Meines Erachtens müßte gerade in unseren westeuropäischen Ländern von Grund auf eine andere Einstellung zum Judentum genommen werden, frei von religiöser Propaganda oder konfessioneller Intoleranz, weil auch heute noch das Judentum ein Kulturfaktor im Rahmen der Menschheit bedeutet, weil aber auch mit solcher Auffassung und nur dadurch dem Judentum religiöse Eigenständigkeit und Eigenwertigkeit zuerkannt werden kann. Im Verlaufe des gleichen Kapitels finden sich auch grundlegende Ausführungen und Widerlegungen, wie sie zur Abwehr der landläufigen Antisemitenlügen — „Kulturschande", „Geheimnisse der Weisen von Zion", „Rathenaufrage" — durch das Wahrheits- und Gerechtigkeitsgefühl geboten sind. Auf 160 Seiten erörtert das dritte Kapitel die Kulturarbeit des Judentums. Man muß dem Verfasser Dank wissen, wie er es in treffiicher und objektiver Weise verstanden hat, die tagesläufige Phrase, als seien die Juden auf Grund ihrer Rasseabkunft kulturell steril, an der Hand historischer Tatsachen Lügen zu strafen. In der Tat ein Kapitel zur Ehrenrettung des Judentums! Das israelitische Volk tritt uns von Haus aus als ein Ackervolk entgegen, im Handwerk und Kunstgewerbe noch lange von anderen abhängig, von einem Handelsgeist als Morgengabe keine Spur, in der ersten christlichen Zeitrechnung nicht als geschäftstreibende Händler, sondern in verschiedenen Handwerken tätig, niemals der schweren körperlichen Arbeit abhold, wie es selbst Talmudlehrer beweisen, unter denen es Schwerarbeiter gab. Erst im Mittelalter begegnen uns die Juden vorwiegend als berufsmäßige Handelsleute und Geldleiher in Westeuropa, jedoch ist das nicht der Ausfluß ihres ursprünglichen Nomadentums, sondern weil geschichtliche und wirtschaftliche Verhältnisse sie dazu zwangen. Nicht zuletzt trug dazu die religiöse Unduldsamkeit des christlichen Volksteils bei und in Spanien vermochte das Judentum erst unter der Herrschaft der Araber zu einer jüdischen Kulturrenaissance zu gelangen, die uns so herrliche Blüten jüdischen Geistes auf allen Gebieten der Wissenschaft aus damaliger Zeit geschenkt hat. Mit den Kreuzzügen tritt eine Wende ein; denn dort entlud sich der religiöse Fanatismus in ungehinderter Weise gegen das Judentum, eines konnte er jedoch nicht verhindern, daß die Juden Kammerknechte der Fürsten blieben. Neben dem religiösen Fanatismus der Kreuzzüge und seiner Feindschaft gegen das Judentum zog in der zweiten Hälfte des Mittelalters noch ein anderes Ereignis herauf, das eine Gegnerstellung zum Judentum in sich trug, der Umschwung des deutschen Wirtschaftslebens. Das Aufhören der „geschlossenen Wirtschaft", der entstehende Kapitalismus ließ die geschäftstüchtigen Juden zu verhaßten Konkurrenten werden. Alle Berufe, wie der des Kaufmanns, Handwerkers und Bauern blieben ihnen verschlossen, nur den Wucher ließ man ihnen als einziges Tätigkeitsfeld. Doch den schlimmen Eigenschaften der jüdischen Geldleiher stehen nicht minder oder in noch stärkerem Maße solche bei den berüchtigten christlichen Geldwechslern gegenüber. Der Ausgang des Mittelalters brachte förmliche Notstände für das Judentum, Vertreibung, Verfolgung, doch ohne inneren Schaden für das Judentum und seine religiöse Idee. Schien anfänglich den Juden in der Reformation ein Hoffnungsstern zu leuchten, so sollte das nur ein trügerisches Irrlicht sein; denn mit dem Mißlingen der reformatorischen Bekehrungsversuche bei den Juden keimte wiederum die alte Intoleranz auf in Wort und Schrift, wofür Eisenmengers „Entdecktes Judentum" einen untrüglichen Beweis bietet. Die neueste Zeit läßt uns die Juden in Holland, England, Deutschland, namentlich in Hamburg finden, wo sie in nicht geringem Maße zum kommerziellen Aufschwung beitrugen. Wohl sind die Juden mitbestimmend gewesen in der Begründung des internationalen Waren- und Kolonialverkehrs, wie des berufsmäßigen Effektenhandels, sie waren aber lediglich nur die Mitbegründer unserer modernen Wirtschaft und des neuzeitlichen Kapitalismus, nicht aber die einzigen Träger. In knapper Linienführung wird auch ein Bild des Ostjudentums gezeichnet, werden die Verdienste der nach Polen vertriebenen Juden für den Aufbau des dortigen Handels und Gewerbes in das rechte Licht gestellt. Die Betrachtungen über Schlachta und Propination, zwei berüchtigte Erscheinungen polnischer Mißwirtschaft, lassen erken- 310