Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 307 (sequence 3)
- Language
- German
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Anzeigen grundsätzlich freundlichere Beziehung zur Wissenschaft eröffnet. Doch sollen diese Bemerkungen weder unsere Freude an dem bedeutenden "Werke noch unsere Bewunderung für die große persönliche Leistung des Autors schmälern. Wir haben den Wunsch, daß jüdischerseits mit ähnlicher Eignung und nicht geringerem Können dasselb» Problem aufgerollt und seiner Lösung, soweit das möglich ist, entgegengeführt wird. Oskar Wolfsberg. Vergleichende Religionswissenschaft von D. Dr. Heinrich Frick, O. Prof. an der Universität Gießen, Berlin und Leipzig, Waller de Gruyter & Gie. 1928. (Sammlung Goeschen). In dem Begriff „Vergleichende Religionswissenschaft" liegt eine Aufgabe beschlossen, die in den letzten Jahrzehnten mit besonderem Erfolge in Angriff genommen wurde. Es gilt, in der Vielfalt der Religionen, das Gemeinsame und das Unterscheidende festzustellen, die bunte Mannigfaltigkeit der Einzeltatsachen zu typischen Gestalten zu ordnen und die elementare Strukturform des religiösen Bewußtseins herauszuarbeiten. Erst wenn das, mit Hilfe der Religionspsychologie und Religionsgeschichte einigermaßen erreicht ist, lassen sich Wert- und Wahrheitsfragen der Religion fruchtbar erörtern. Eine vergleichende Religionswissenschaft im Sinne einer Typologie gibt Prof. H. Frick in dem vorliegenden Goeschenbändchen. Er hat auf i34 Seiten ein weitschichtiges Material verarbeitet; er führt kurz in die Geschichte der Disziplin ein und zeigt, wie bei gewissen Fragen (z. B. der des Urmonotheismus) heute noch keine Einhelligkeit zu erreichen ist. Das eigentliche Thema gestaltet Frick als selbständiger Forscher, der immer auch den Zusammenhang mit den gesicherten Ergebnissen der Hilfswissenschaften wahrt. Klarheit und Sachlichkeit zeichnet die Schrift aus, Vorzüge die besonders wertvoll sind auf einem Gebiete, wo Gefühlsüberschwang den Gedanken leicht zur Undeutlichkeit verwischen kann. Frick besitzt ein pädagogisches Geschick, komplizierte Zusammenhänge einfach und schlicht dem Leser nahezubringen; er bleibt niemals im rein Abstrakten stecken. Das Allgemeine wird am konkreten Beispiel entwickelt. Wenn er die Strukturform aller Religion darlegen will, beginnt er mit dem Bericht über das Erwachen Jacobs nach seinem nächtlichen Traum. Die Worte heißen: „Er erschauerte und sprach: Wie schaurig ist diese Stätte! — Das muß Gottes Haus sein, Und das ist die Pforte des Himmels. — Frühmorgens stand Jacob auf, nahm den Stein, den er für das Lager seines Hauptes gerichtet hatte, stellte ihn als Malstein auf und goß Öl oben darauf. — Er nannte den Namen jener Stätte Bethel. Und Jacob tat ein Gelübde ... „Welche Strukturform zeigt dies Erlebnis? Das erste Wort heißt auch hier Heilig. Jacob entdeckt an dem Orte eine Qualität, die er vorher nicht gemerkt hat. Seine Entdeckung äußert sich ganz zu Anfang als Empfindung des Schauderns. Daran schließt sich eine Aussage über den Tatbestand an. Die Empfindung wird erklärt aus der Erkenntnis einer neu entdeckten Wirklichkeit: Gottes Haus, Pforte des Himmels. Hier also ist die Stelle, von Gott zu sprechen. Das zweite Wort heißt: Wirklichkeit des Heiligen. Alsbald ergibt sich zum dritten der kultische Akt. Die Entdeckung des Heiligen zieht eine Handlung nach sich. Denn dem Heiligen gebührt Verehrung. Man darf sich dabei diesen Vorgang als gleichzeitig mit der an zweiter Stelle genannten Erkenntnis geschehend denken. Denn wie aus zahllosen anderen religiösen Vorgängen zu entnehmen ist, geschehen kultische Handlungen nicht erst auf Grund einer Theorie über das Wesen übersinnlicher Wirklichkeit, sondern vielfach als Reflex auf die Entdeckung des Heiligen hin. Bleiben wir bei der Reihenfolge unserer Stelle, so dürfen wir sagen: Das dritte Wort heißt Verehrung des Heiligen. Darauf folgt noch ein letzter Zug. Jacob zieht aus dem Erlebnis Folgerungen für die Zukunft. Er selbst geht für seine Person eine Verpflichtung ein, und die Stätte soll von nun an als Heiligtum betrachtet werden. Die Umnennung des Namens ist nur das erste Glied einer längeren Kette von Ereignissen, die sich an die Gründung des Heiligtums anschließen werden. Das vierte Wort heißt also: Neugestaltung des Lebens vom Heiligen aus. Es dürfte ganz allgemein gelten, daß keines dieser Elemente entbehrt werden kann, wenn man das Wesen der Religion fassen will. Erfahrung und Erkenntnis, Verehrung und Aus- 21 307