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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 306

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
[Rezension]
Date
1928-08-01
Page
306 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen Das Buch enthält so gleichzeitig viel religionsgcschichtliches Material, das sich durchaus nicht auf den abendländischen Kreis beschränkt, und eine lehrreiche Geschichte der Naturwissenschaften. Das wissenschaftliche Weltbild der Griechen wie das der Zeit der klassischen Mechanik, aber auch der Relativitätstheorie und der Quantentheorie ziehen an uns vorüber. Überall wird ein für den Zweck der Untersuchung vollständiges Bild der Theorien erstrebt. Man darf vielleicht, ohne den "Wert einzelner Kapitel schmälern zu wollen, sagen, daß gerade die neuesten physikalischen Theoreme und alles, was auf Biologie sich erstreckt, trotz guten Verständnisses nicht so meisterhaft dargestellt wird wie Kapitel, die dem eigensten Arbeitskreise des Autors angehören, wie Auswertung des religiösen Erlebens der Beziehungen von Gott und Mensch, Mensch und Welt, die Untersuchungen über den Einfluß der Bibel auf die Weltanschauung usw. Ich hätte im besonderen mancherlei an den biologischen Partien auszustellen. In dem Bestreben, der Wissenschaft vollauf Genüge zu tun, verkennt Titius m. E. doch die \olle Bedeutung des modernen Vitalismus. Auch er übersieht, wie viele andere, daß der entelechiale Faktor bei Driesch zunächst keine metaphysische Rolle spielt, sondern ein Naturfaktor sein soll. Auch seinen Erklärungswert unterschätzt Titius. Wenn man in Betracht zieht, daß er selbst der Ganzheitskausalität eine entsprechende Rolle im Ausgleich von Theologie und Wissenschaft zuweist, so ist es um so befremdlicher, daß er, bei aller Anerkennung Drieschs, dessen Leistung nicht vorbehaltloser würdigt. Gerade die Ganzheitskausalität ist in Drieschs Philosophie mit so reifer Meisterschaft behandelt, daß eine eingehendere Bezugnahme auf sie dem vorliegenden Buch sehr zum Vorteil gereicht haben würde. In dem eigentlichen Hauptteil des Werkes, der ziemlich weit an den Schluß rückt, wird mit viel anerkennenswertem Bemühen der Versuch gemacht, Grenzverschiebungen zu vermeiden. Die Religion kann von sich aus Erkenntnisse wissenschaftlicher Art nicht vorwegnehmen, und Ritschis Forderung, alle Metaphysik aus der Glaubenslehre auszuschalten, wird weitgehend anerkannt. Eine Synthese von Glauben und Wissen wird als eine in menschlicher Annäherung lösbare Aufgabe befürwortet, weil es unerträglich wäre, einen grundsätzlichen Widerspruch zwischen dem im religiösen Erleben gewonnenen und naturwissenschaftlich erschauten Weltbild, welch letzteres sich für den Gläubigen doch auch als eine Offenbarung, wenn auch mehr mittelbar, darstellt, hinzunehmen. Es wird im großen und Ganzen erfolgreich die Berechtigung beider Formen der Welterfassung gelehrt unter Hervorhebung des Eigenwertes des religiösen Weltbildes und seiner großen kulturellen Bedeutung. Auch wird der protestantische Offenbarungsglauben festgehalten und die Notwendigkeit, ihn autoritativ zu erhalten, betont. Was Religion für die Kunst — und vice versa — bedeutet, ist sehr gut analysiert, jede Vertiefung von Naturlehre durch religiöse Werte, jede Bereicherung religiösen Lebens durch naturwissenschaftlich orientierte Gedanken mit Freude begrüßt. An den Beispielen des Sexualproblems, seiner Spannung zwischen biologischer Erkenntnis und religiösethischer Besonderheit, der Ernährung(Fasten!), überhaupt am Problem der Lust bezw. der Sinnlichkeit werden die Beziehungen beider Gebiete, ihre gegenseitige Förderung und ihre Grenzen zur Darstellung gebracht, die Hygiene als technische Ausführung des sittlich Gebotenen angesehen. In diesem Zusammenhang wird auch die Psychoanalyse abgehandelt und ihrer Berührungen mit dem Problem der Sünde, Reue, Beichte usw. gedacht. Vielleicht kommt die Psychoanalyse ein wenig zu gut dabei weg. Titius bemüht sich, den religiösen Begriffen der Sünde usw. eine Basis in der Wissenschaft zu geben. Während im historischen Abschnitt des Alten Testaments mit großer Verehrung gedacht, die jüdischen Propheten, ihr Ethos und ihre Weltbetrachtung gebührend gewürdigt werden, ist im systematischen Teil fast ausschließlich der Protestantismus zugrunde gelegt. Die Schwierigkeiten, die gerade dieser und die christliche Religion überhaupt der Lösung praktisch-sittlicher, aber auch denkerischer Probleme entgegensetzen, sind nicht selten ein wenig verwischt und nicht immer mit der Gründlichkeit behandelt, die sonst das große Buch auszeichnet. Es entsteht der Eindruck, als ob die protestantische Religion vorzüglich berufen sei, die Verständigung zwischen Theologie und Naturwissenschaft zu vollziehen. Demgegenüber sei unterstrichen, daß die jüdische Lehre nicht nur manchen Problemen gegenüber aufgeschlossener ist und zwangloser Ausgleiche gestattet, sondern auch durch geringere dogmatische Orientierung und Zentrierung des Gesetzesbegriffes eine 306

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