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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 294

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Der Mensch über den Rassen
Date
1928-08-01
Page
294 (sequence 2)
Language
German
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Julius Goldstein G. Frazer: Psyche's Task. A Discourse conceming the Influence of Superslition on the Growth of Institutions, London 1920. L. Levy-Bruhl: Das Denken der Primitiven, 2. Auflage, Wien 1926. L. Levy-Bruhl: Die geistige Welt der Primitiven, München 1927. (Der Titel der französischen Ausgabe, die vollständiger als die deutsche Ausgabe ist, lautet: „La mentalite primitive par L. Levy-Bruhl, Membre de L'Institut, Professeur ä la Sorbonne, 4- Edition, Paris 1925.) Teilweise gehört auch hierher: Kurt Breysig: Der Stufenbau und die Gesetze der Weltgeschichte, Cottasche Buchhandlung 1927. Diese Werke, so verschieden sie auch nach Methode und Ziel sind, hinterlassen den einen starken Eindruck: Der Mensch steht über den Rassen. Oder, wie es Breysig formuliert: „Die Einheit und Zusammengehörigkeit des Menschengeschlechtes weist über alle Verschiedenheit von Raum, Zeit und Blut hinweg." Er hat in dem oben genannten Buche die These verfochten, daß Rassenunterschiede nur Stufenunterschiede sind. Die Werke von Levy-Bruhl und Frazer sowie die früheren von Tyler und Spencer beweisen, daß auf der Stufe der primitiven Mentalität die Rassenunterschiede vor der Gleichheit des menschlichen Geistes bedeutungslos sind. Um nicht mißverstanden zu werden, bemerke ich, daß Levy-Bruhl und Frazer sich nicht als Ziel gesetzt haben, dieses nachzuweisen. Sie wollen die geistige Struktur der primitiven "Völker aus dem gegebenen Tatsachenmaterial erschließen. Ihre Werke haben auch noch nach anderen Richtungen weittragende Folgen, die sich erst in den nächsten Jahrzehnten auswirken werden. Aber eine dieser Folgen, der indirekte Beweis gegen die herrschenden Rassenlheorien, kann heute schon mit unumstößlicher Gewißheit festgestellt werden. Frazer, dessen Hauptwerk „The Golden Bough" jetzt auch in deutscher Übersetzung verkürzt vorliegt, hat für dieses Forschungsgebiet den Begriff „Sozial-Anthropologie" geprägt. Die englische Schule der Sozial-Anthropologie versucht, die Mentalität der Primitiven zu erklären als eine solche, die von der unsrigen nur dem Grade nach verschieden ist. Sie nimmt an, daß der Geist der Naturvölker in gleicher Weise wie der unsrige gegenüber der Erfahrungswelt orientiert ist, und daß er deshalb auch genau so wie der unsrige reflektieren und raisonnieren müßte. Tut er das nicht — und er tut es nicht — so wird sein Verhalten als Faulheit, Schwäche, kindliche Unwissenheit und Stupidität charakterisiert. Mit der Assoziationspsychologie versucht die englische Schule die Besonderheit der primitiven Geistesart zu erklären. Levy-Bruhl hat diese Auf fassung, deren Voraussetzungen auf Tyler und Spencer zurückgehen, als falsch und völlig unzulänglich erwiesen. Ihm gebührt das große Verdienst, an einem überwältigenden Tatsachenmaterial nachgewiesen zu haben, daß die primitive Mentalität toto genere von der der Hochkultur verschieden ist, und daß man diese Mentalität nur verstehen kann aus dem Zusammenhang mit den von den unsrigen völlig abweichenden institutionellen Lebensbedingungen und aus einer anders gearteten kategorialen Verarbeitung der Erfahrung. Es ist hier nicht der Ort, näher einzugehen auf die folgenreiche Lehre des 294

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