Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Der Mensch über den Rassen
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 293 (sequence 1)
- Language
- German
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Der Mensch über den Rassen von Julius Goldstein Seit mehreren Jahrzehnten hat eine politischer Propaganda dienende Literatur es fertiggebracht, den Glauben zu verbreiten, die Rasse entscheide über Wesen und Wert des Menschen und die Besonderheiten politischer, ethischer und religiöser Ideen und Institutionen sei der notwendige Ausdruck des an das Blut gebundenen Geistes. Man gibt zwar zu, daß es schwierig sei, diese allgemeine Behauptung am gegebenen Einzelfall zu bewahrheiten, weil unvermischte Rassen innerhalb der Kulturwelt nicht mehr anzutreffen sind, und weil die historische Wechselwirkung der Kulturen untereinander die von der Rasse bestimmte geistige Sonderart oft bis zur Unkenntlichkeit zerstört hat. Nach dieser Auffassung müßte also die geistige Verschiedenheit der Rassen um so deutlicher hervortreten, je weiter man in der Geschichte zurückgeht, d. h. je weniger die anthropologisch und geographisch weit auseinanderliegenden Rassen vermischt und je geringer die Möglichkeit gegenseitiger Beeinflussung gewesen ist. Es müßte dann parallel zur anthropologischen Verschiedenheit auch eine scharf ausgeprägte geistige Verschiedenheit dieser Rassen sich feststellen lassen. Gerade das Gegenteil von dem allem ist aber der Fall. Wo immer die Untersuchung bis in die primitiven Phasen der menschlichen Gesellschaftsentwicklung vorgestoßen ist, immer fand man statt der zu erwartenden schroffen Geistesverschiedenheit eine geradezu verblüffende Gleichartigkeit der Mentalität. Die Primitiven der geographisch so weit voneinander abliegenden Gebiete wie Südamerika, Mittelafrika, China, Australien und Antarktis zeigen in Sitten und Gebräuchen, in Denk- und Gefühlsweisen, in sozialen und politischen Gruppenbildungen eine Gleichartigkeit, die eines sicher beweist: Die Unterschiede der Rasse sind bedeutungslos gegenüber der Gleichheit der primitiven Geist e s a r t. Auf dieser Stufe, wo nach den Voraussetzungen der Rassengläubigen die stärksten geistigen Unterschiede vorherrschen müßten, ist gerade die größte Gleichartigkeit vorhanden. In den letzten Jahren sind eine Reihe wertvoller Schriften erschienen, die ein ungeheures Material zusammengetragen haben über die Mentalität der Primitiven. Ich nenne instar omnium: 20* 293