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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 275

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Baltische Erinnerungen an Moses Mendelssohn
Date
1928-08-01
Page
275 (sequence 5)
Language
German
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Baltische Erinnerungen an Moses Mendelssohn wenigen Tagen unser Mendelssohn saß, und irre mit meinen Vorstellungen in dem großen Reiche der Möglichkeiten umher . . ." (S. 232). Die beiden letzten Briefe, die Mendelssohn vor seinem Tode schrieb, sind an die baltische Pfarrerstochter Sophie Becker gerichtet, die damals — sie war ungefähr dreißig Jahre alt — sich in der Periode des Zweifeins befand. Merkwürdig genug: am Weihnachtsabend „Den 24. Dezember 1785, Abends", wie sie hinzufügt, schüttet Sophie dem jüdischen Philosophen ihr Herz aus und bittet ihn in einem langen Briefe1) um Trost und Aufrichtung. „Wenn ich Ihnen sagte, daß mein volles Herz mich die Feder ergreifen ließ, so wollte ich nur so viel ausdrücken, daß meine Seele in gegenwärtiger Stunde von so mancherlei dunklen Vorstellungen bewegt wird, daß sie sich irgendwo ergießen muß. Sie waren der Erste, von dem ich glauben konnte. Sie würden mich verstehen, oder da, wo ich mich selbst nicht verstehe, Licht hinhalten können." Sie klagt ihm die Zerrissenheit ihrer Seele: „Daher habe ich auch keinen Sinn mehr für den öffentlichen Gottesdienst und bin ganz kalt dabei So sieht es in meiner Seele aus, theuerster Freund; nur Ihnen lege ich sie so offen dar. Rathen Sie mir, auf welche Art ich es anfange, meinem Herzen den Gott näher zu bringen, den mein Verstand im Sandkorn wie in der Sonne anbetet" Drei Tage darauf antwortet ihr Mendelssohn. Es ist der letzte Brief überhaupt, den er, am 27. Dezember 1785, eine Woche vor seinem Tode, geschrieben hat2) Er redete sie mit „Theuerste Sophie!" an und tröstet sie unter Hinweis auf die Psalmen: „Haben Sie je die Psalmen in dieser Absicht gelesen? Mich dünkt, viele Psalmen sind von der Art, daß sie von den aufgeklärtesten Menschen mit wahrer Erbauung gesungen werden müssen ... So viel ist gewiß, mir haben die Psalmen manche bittere Stunde versüßt; und ich bete und singe sie, so oft ich ein Bedürfnis zu beten und zu singen bei mir verspüre. Leben Sie wohl, theuerste Freundin! Empfehlen Sie mich unserer würdigen Frau Baronin (= Elisa von der Recke), deren Befehl ich erwarte, wenn ich das Vergnügen haben soll, Sie zu sehen. Moses Mendelssohn." — Für die Mendelssohn-Forschung dürfte es von Interesse sein, zu erfahren, daß Mendelssohn noch eine weitere Beziehung zu baltischen Kreisen hatte. Dies geht aus einem bisher unbekannten und unveröffentlichten Briefe Mendelssohns an einen baltischen Adligen hervor.!) Abgedruckt in Mendelssohns gesammelten Schriften, herausgegeben von Prof. Dr. B. G. Mendelssohn, V. Band, S. 644 ff-, Leipzig i844- 2) a.a.O. S. 647 ff. 19 275

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