Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 3 (August 1928)
- Article
- Baltische Erinnerungen an Moses Mendelssohn
- Date
- 1928-08-01
- Page
- 274 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Paul Michaelis Sie und Professor Ramler morgen in Friedrichsfelde. Als Menschenkenner müssen Sie, edler Mann, bemerkt haben, was Moses Mendelssohn mir ist. Ein großer Beytrag zu meiner Glückseligkeit wäre es, wenn ich auf Ihre Freundschaft Anspruch machen dürfte. Ich habe das Glück mit wahrer Hochachtung zu sein Ihre Verehrerin Elisa von der Recke." Neun Tage später schildert Sophie Becker einen zweiten Besuch bei dem jüdischen Philosophen (S. 196): „Heute besuchte Elise mit mir und Nikolai Mendelssohn. Diesmal sahen wir auch Mendelssohns Frau, die mir sehr gut gefällt und ein Weib von vielem wissenschaftlichen Verstände zu sein scheint. Sie nimmt den innigsten Anteil an dem, was ihr Mann spricht." Besuche und Gegenbesuche wechselten ab. „Heute hatten wir endlich wiedei die Freude, unseren geliebten Mendelssohn in seinem Hause zu besuchen. Sein Willkommen zeugte von innerer Freude, uns wiederzusehen . . . Es wurde wieder viel über Lessing gesprochen", berichtet Sophie Becker unter dem a4 November (S. 216). Erschütternd für die baltische Edelfrau und ihre Begleiterin war die Nachricht von Mendelssohns Tode, die sie am 4- Januar 1786 erhielten. An diesem Tage trug Sophie in ihr Tagebuch ein: „Bei meinem heutigen Erwachen rechnete mein Herz auf frohen Genuß in dem Umgange unserer hiesigen Freunde. Wir kleideten uns zeitig an, indessen schickte mir die Herzogin (Dorothea von Kurland) ein Billet, dessen erste Zeilen mein Herz erstarrten: „Unser großer, weiser Mendelssohn ist diesen Morgen entschlafen." Welche sonderbare Revolution erregten diese wenigen Worte in meiner, bald auch in Elisens Seele! Er, den wir so zärtlich liebten, der vor wenigen Tagen1) froh in unserem Kreise saß — er ist so plötzlich hinausgetreten, hat so viele verwaist zurückgelassen ... Da saßen wir und verstummten, keines konnte sprechen. 0, wie laut sprachen unsere Tränen: „Er ist nicht mehr!" Welche unersetzliche Lücke hat Berlin, hat die ganze Welt erhalten! Elise, deren Befinden ohnehin schon schlecht war, litt viel. Nikolai hatte die Freundschaft, uns sogleich mit sich nach Hause zu nehmen, damit wir nicht in der Einsamkeit noch stärker durch das traurige Andenken erschüttert würden. Morgen früh wird sein Körper in die Erde gelegt. Wie viele, viele neue Wahrheiten hat indes sein freier Geist umfaßt! . . . Indessen sitze ich hier, wo noch vor x) Am 2 5. Dezember hatte er mit seiner Frau und den Töchtern Elisa von der Recke und Sophie Becker besucht (Tagebuch, S. 228). 274