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Der Morgen · 1928-08-01 · Heft 3 (August 1928) · p. 253

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Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 3 (August 1928)
Article
Einführungen in das erste Buch Mose
Date
1928-08-01
Page
253 (sequence 15)
Language
German
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Der Arbeiter schwerer auszuführen und leichter nachzuweisen als beim Hirten, da der Herr die Tiere nur abzuzählen braucht. Es kann ferner im alten und allerältesten Israel mit seinem persönlichen Eigentumsbegriff niemals eine Zeil gegeben haben, wo man den Diebstahl nicht verdammt hätte, dafür sorgte schon der Bestohlene oder, und das war jedermann, der bestohlen zu werden fürchtete. Es gibt natürlich immer Kreise, in denen man Diebstahl leicht nimmt und durch allerlei Umschreibungen wegzuscherzen sucht. Sehr reich ist daran z. B. das Deutsche. Da ist die hebräische Sprak eine plumpe Sprak. Sie hat für Stehlen nur das Eine Wort Stehlen. Ja, sie ist so grob, wenn man nicht sagen will: so feinfühlig, daß sie es in viel weitergehendem Sinne gebraucht, den wir nur umschreiben können. Wenn wir oben aus der Rede Labans übersetzten: du hast mein Liebstes entführt, so hieß es im Hebräischen: du hast mich gestohlen, d. h. mir mit meinen Töchtern gleichsam mein anderes Selbst entwendet. Und was wir „du hast mich angeführt" wiedergaben, lautet im Urtext: du hast mein Herz, d.h. meinen Sinn, meine Gedanken gestohlen. In der späteren Sprache ist dies ein fester Begriff geworden: in falschem Glauben wiegen, eine gute Meinung über sich erschleichen, eine nicht ernstgemeinte Ehrung oder Aufmerksamkeit vortäuschen, um dafür unverdient Lob und Dank einzuheimsen. Die Sittenlehre des Talmuds und der jüdischen Gesetzbücher schreibt vor: Es ist verboten, die gute Meinung („die Gedanken") der Menschen, auch des Nichtjuden zu „stehlen", z. B. man darf jemanden nicht zum Essen einladen, wenn man weiß, daß er ablehnen wird, ihm nicht Geschenke anbieten, wenn man weiß, daß er sie nicht annehmen wird, einem Gast nicht sagen* man habe das Faß Wein extra für ihn angebrochen, wenn es nicht wahr ist, man darf beim Verkauf nicht einen Fehler verschweigen auch wenn er den Wert nicht mindert u. dgl. m. Es ist hübsch, daß sich der Ausdruck im hebräischen Schrifttum zum erstenmal bei Laban dem „Aramäer" meldet, was im Hebräischen bedenklich an „Betrüger" anklingt. Gerade auf ihn und sein Verhalten gegen Jakob paßt er am besten. Mit diesem zweimaligen „Stehlen" stiehlt er sich sachte an den Vorwurf des eigentlichen Diebstahls heran. Auch bei Rahel beschönigt die Schrift den Diebstahl nicht. Der Midrasch gar, der gegen die biblischen Personen sehr streng ist und ihnen nichts schenkt, der es ferner als eine seiner Hauptaufgaben betrachtet, für die kleinste Guttat eine Belohnung, aber auch für jede Sünde eine Strafe von dem Gott der Gerechtigkeit gegen alle Geschöpfe nachzuweisen, erklärt: wegen dieser Sünde 253

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