Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 203 (sequence 2)
- Language
- German
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Anzeigen ■ ihrer Presse. Stöcker war wirtschaftlich nicht gebildet genug, um den Kapitalismus als eine geschichtliche Entwicklungsform der internationalen Produktion zu erkennen. So ist sein Standpunkt schon eher zu verstehen. Das Judentum ist eine Schicht, so sagte er weiter zu mir, die ich bekämpfe, wie die Freisinnigen die Junkerschicht. Jeder Haß gegen die Juden war ihm fremd; für ihn waren die Juden immer noch das „Volk Gottes", auf dessen Bekehrung er hoffte; das Neue Testament war ihm ohne das Alte Testament ganz undenkbar. So auch nur ist es zu erklären, daß die freisinnigen und atheistischen Judengegner — im Sinne Dührings — zu Stöcker fast in schärferen Gegensatz traten, wie zu den Juden selbst. Wenn man die Schrift Wawezineks, die das Bild der antisemitischen Bewegung bis zu 1890 umreißt, in seinen Konturen weiterführt bis auf den heutigen Tag, so erkennt man deutlich, wie die antisemitische Bewegung als Aktion immer mehr verroht und wie sie sich anderseits bemüht, wissenschaftliche Grundlagen zu gewinnen. Daß in diese wissenschaftlichen Bemühungen eine den Sturz der Festung herbeiführende Bresche gelegt ist, weiß der, der jene Bemühungen verfolgt, genau. Von Chamberlain bis zu Günther und Genossen kann der „wissenschaftliche" Weg nur als ein Leidensweg in dem Sinne bezeichnet werden, als jede Station ein quälerisches und selbstquälerisches Unterfangen anzeigt, die brüchig werdende Substanz durch neue Zutaten einer abstrus gewordenen Philosophie aufzufrischen. Adam Röder. Hermann Herrigel: Das neue Denken. Berlin, Lambert Schneider 1928. 244 S. 7.50^?. Im ersten Jahrgang des „Morgen" fOktober ig25) führte ich Franz Rosenzweigs Aufsatz „Das neue Denken" mit den Worten ein: „Der folgende Beitrag von Franz Rosenzweig gehört zu dem wesenhaft Neuen und geistig Entscheiduugsvollen, das zu künden eine der Aufgaben dieser Zeitschrift ist." — Hermann Herrigel hat den Titel des Rosenzweigschen Aufsatzes zum Gesamttitel seines Buches gemacht; er hat sich ausdrücklich auf diesen Aufsatz berufen, den er „eines der stärksten und überzeugendsten Dokumente eines neuen Denkens" nennt. Herrigel will in seinem Buche berichten „von einem neuen Denken, von einer Wandlung, die sich seit dem Ende des Krieges mit uns vollzogen hat". Erst seit dem Ende des Krieges? Schon 191 x habe ich in meinem Buche „Wandlungen in der Philosophie der Gegenwart" die Wesenszüge des neuen Denkens skizziert. Daß Herrigel von meinem Buche nichts weiß, mache ich ihm natürlich nicht zum Vorwurf. Im Gegenteil, ich freue mich um der Sache willen, daß er, aus anderen Zusammenhängen kommend, zu gleichen Feststellungen hinsichtlich des neuen Denkens gelangt ist. Allerdings mutet es seltsam an, daß er, ebensowenig wie Rosenzweig, mit keinem Worte Bergson und James erwähnt. Denn den Durchbruch zum neuen Denken haben diese beiden Philosophen offenkundig schon im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts vollzogen. William James (gestorben 1911) bezeichnet seine Denkweise als radikalen Empirismus (Radical Empiricism), Rosenzweig die seinige als „absoluten Empirismus". Der terminologischen Ähnlichkeit entspricht bei aller sonstigen Verschiedenheit eine fundamentale Gleichheit der erkenntnistheoretischen Haltung. Indem ich dies hier feststelle, will ich damit in keiner Weise Wert und Bedeutung der Arbeiten von Rosenzweig und Herrigel herabsetzen. Nicht was uns voneinander unterscheidet •— was uns gemeinsam ist als Werk und Ziel, das ist wertvoll und verdient fördernde Beachtung. Eine so ungeheure Aufgabe, wie die denkerische Umstellung einer Epoche, kann nur in der Zusammenarbeit vieler gleichgerichteter Geister unternommen werden. In diesem Sinne begrüße ich das Buch von Herrigel als ein Werk von vorstoßender Kraft der Argumente und von bezwingendem Wirklichkeitssinn. Das Buch zerfällt in zwei Teile, deren erster die Kritik des deutschen Idealismus lim Hinblick auf das politische Problem), deren zweiter die „Krisis der Wissenschaft" behandelt. Nebeneinandergefügte Aufsätze vielfältigen Inhalts umkreisen immer das gleiche Problem von der Unzulänglichkeit einer noch im mittelalterlichen Begriffsrealismus befangenen Philosophie. Die Umstellung, die Galilei mit der Naturwissenschaft des Mittelaltert vorgenommen, hat sich noch nicht entscheidend . in der Philosophie vollzogen. Das neue Denken ist nicht neu im Sinne einer verblüffenden denksportlichen Leistung, sondern im Sinne der Berücksichtigung im- 203