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Der Morgen · 1928-06-01 · Heft 2 (Juni 1928) · p. 202

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 2 (Juni 1928)
Article
[Rezension]
Date
1928-06-01
Page
202 (sequence 1)
Language
German
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Anzeigen DieEntstehungderdeutschenAntisemitenparteien, 1873—1890. In den „H istorischen Studie n"„ herausgegeben von Dr. E. Ebering, Berlin, unternimmt es Dr. Kurt Wawezinek die Entstehung der antisemitischen Parteien von 1873—1890 darzustellen. Die Älteren unter uns haben diese Entstehung miterlebt. Da ist es dann besonders interessant festzustellen, wie von all den „Berühmtheiten", die in den Anfängen der antisemitischen Bewegung eine Rolle spielten, auch nicht eine sich über das mittlere Niveau einer bleibenden politischen Geschichtlichkeit erheben konnte. Wo sind sie alle geblieben, die der Demagogie der 70er und 80er Jahre die schmetternde Trompete in Presse und Versammlungslokal liehen? Die Zimmermann, Bockel, Pickenbach, Leuß, Bernhard Foerster, Liebermann v. Sonnenberg, Christof Cremer, — der „schwarze Cremer" genannt — und der ganze Troß der Agitatoren? Keiner hat es zu einem gefesteten politischen Ansehen gebracht; der einzig jene Zeit überlebende Theodor F r i t s c h führt in seinem „Hammer" ein ziemlich isoliertes Dasein, lebt mehr von der Sensation, wie von der Agitation und ist im übrigen bemüht, Vorrat in seiner Altersscheuer anzusammeln. Wenn Fritsch die Schrift Wawezineks liest, werden ihn wehmütige Erinnerungen beschleichen; er, der ja im allgemeinen weder von „Skrupeln noch von Zweifeln" sich plagen läßt, wird doch erkennen, wie niedrig in rein sittlicher Beziehung das Agitations-Niveau des Antisemitismus geworden ist. Man betrachte einen Ludendorff und Hitler im Gegensatz etwa zu einem Bockel, Liebermann und Cremer, von Adolf Stöcker gar nicht zu sprechen. Wawezinek gibt in seiner das ganze geschichtliche Material gewissenhaft beherrschenden Schrift, die von jedem, der die antisemitische Bewegung verfolgt, gelesen werden sollte, ein scharf gezeichnetes Bild der Entstehungszeit des Antisemitismus. Er vergißt keinen der „Führer", die das Agitations-Mosaik jener Epoche mit bunten Steinen belegten und stellt ihren geistigen Anteil an der Bewegung fest. Leidenschaftslos, wie es dem Forscher geziemt, stellt er besonders die Kämpfe der Richtungen und Führer untereinander dar. Es ist gewiß kein Zufall, sondern eine aus der inneren Struktur des antisemitischen „Geistes" erwachsene Erscheinung — nämlich die der sittlichen Fäulnis und der intellektuellen Minderwertigkeit—■, wenn wir auch heute in der antisemitischen Agitation und Bewegung die nämlichen kläglichen und haßerfüllten Reibereien erleben, in denen sich die antisemitischen Richtungen manifestieren. Ausführlich geht der Verfasser auf den zeitungsmäßigen und parlamentarischen Niederschlag ein, den die Bewegung zeitigte; es wird der Anteil der Konservativen- und Zentrumspresse und auch der der Konservativen und Zentrumsvertreter im Reichstag ausführlich dargestellt, so daß sich das Bild zu einem übersichtlichen Ganzen abrundet. Überrascht hat mich, daß der Autor das von Josef Cremer gegründete „Deutsche Tageblatt", das die besondere Aufgabe hatte, die Katholiken dem Antisemitismus zu gewinnen, nicht schärfer hervorhebt. Auch hätte ich von meinem persönlichen Standpunkt aus gewünscht, daß Stöckers charakteristische Erscheinung — der einzigen von bedeutenderem Format, die der Antisemitismus hervorgebracht hat —, in stärkerer Belichtung erschiene. Für mich unterliegt es keinem Zweifel, daß Stöcker heute in der vordersten Reihe der Gegner des Antisemitismus stehen würde. Denn das Kriterium des Antisemitismus ist und bleibt die Rassenfrage. Das Rassenmoment aber lehnte Stöcker aus wissenschaftlichen und religiösen Gründen ab. Ich bekämpfe die Juden, so sagt er mir einmal, als Vertreter des rücksichtslosen Kapitalismus und als Förderer des Atheismus und der Religionsfeindschaft in 202

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