Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1928)
- Article
- Neue Veröffentlichungen zur jüdischen Religionsgeschichte [Rezension]
- Date
- 1928-06-01
- Page
- 200 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895475-2895478-2898808--02796-2898937- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Felix Perle« b e r zu seinem Rechte. Nichts erschwert ja in solchem Maße die religionsgeschichtliche Betrachtung des Judentums in jener Zeit wie der widerspruchsvolle Charakter der uns erhaltenen Quellen. Denn abgesehen von der Verschiedenheit der Sprache und der literarischen Form weichen auch inhaltlich die rabbinischen Schriften einerseits und die Apokryphen und Pseudepigraphen einerseits so stark voneinander ab, daß seit Jahrzehnten kaum ein Punkt so umstritten ist wie das Verhältnis dieser beiden Gruppen zueinander und ihre Bewertung für die Erkenntnis der lebenden Kräfte der Religion. Gerade über diese Frage ist in den letzten Jahren von Herford und Ginzberg viel gutes gesagt worden und auch Klausner gibt treffende Ausführungen darüber. Neben seiner Bedeutung für die religionsgeschichtliche Forschung im allgemeinen kommt Klausners Werk noch ein besonderer Wert für einen Kreis von Lesern zu, an die hierzulande meist gar nicht gedacht wird. Es sind dies die ungezählten hUdungs- und wissenshungrigen Ostjuden, die zwar gewöhnlich mit den biblischen und rabbinischen Quellen vertraut sind, aber die wissenschaftliche Literatur des Abendlandes noch nicht kennen. Durch eine solche hebräische Darstellung erschließt sich ihnen nicht nur eine Fülle neuer Kenntnisse, sondern sie lernen daraus auch methodisch viel. Sie werden dadurch zu einer geschichtlichen Betrachtung des Judentums angeleitet, was sie ebenso vor starrem Autoritätsglauben bewahrt wie vor der (heute vielleicht noch bedrohlicheren) Verwerfung aller überlieferten religiösen Werte. Darüber hinaus kann von dem Buch ein günstiger erzieherischer Einfluß auch auf einen weiteren Kreis von Lesern ausgehen, wenn Klausner in der Einleitung darauf hinweist, wie weit die Welt im allgemeinen und die jüdische Welt im besonderen von der Verwirklichung der mit dem messianischen Gedanken verknüpften sittlichen Ideale entfernt ist. Im Gegensatz zu Klausner geht S i 1 - ver1) mehr in die Breite als in die Tiefe,, sowohl ganz buchstäblich, was den Umfang der behandelten Zeit betrifft, als auch in der Behandlung des Gegenstandes. Er beginnt zwar seine Darstellung nicht früher als mit dem ersten Jahrhundert nach Chr., führt dieselbe aber bis ins 17. Jahrhundert. Während er den Zeitraum bis zum Schluß der Mischna in 3o Seiten erledigt und darin der Apokryphen und Pseudepigraphen nur gelegentlich flüchtig Erwähnung tut, gibt er ein BUd von der Geschichte des messianischen Gedankens bis in die neuere Zeit. Gewiß hat auch dieses große, emsig zusammengetragene Material ein hohes kulturgeschichtliches Interesse, doch kommt ihm im binne der Religionsgeschichte nicht die gleiche Bedeutimg zu wie Klausners tiefer schürfenden Untersuchungen über das Werden der messianischen Anschauungen. Nichtsdestoweniger hat auch Silvers Werk seine Verdienste und ist namentlich geeignet, beim englisch lesenden Publikum Verständnis für den Umfang und die Bedeutung des Messiasglaubens auch im nachtalmudischen Zeitalter zu wecken und zu einer künftigen methodisch-kritischen Darstellung anzuregen. Ganz verschieden von den drei bisher behandelten Werken, die alle darstellenden Charakter haben, will das vierte2) nicht Religionsgeschichte erzählen, sondern legt einen wichtigen Teil der Quellen in neuer Ubersetzung vor. Es sind hauptsächlich die sogenannten Pseu'lepigraphen, von denen hier aber noch mehr als bei Kautzsch und selbst bei C h a r- 1 e s übertragen sind, daneben noch eine Anzahl weiterer, meist jüdisch-griechischer Schriften und vier hebräische beziehungsweise aramäische Texte (Achtzehngebet, Fastenrolle, Sprüche der Väter und das von Schechter entdeckte „ZadokitischeWerk"). Der Übersetzer D.Paul R i e ß 1 e r , Professor an der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Tübingen, hat sich längst durch eine Reihe von wissenschaftlichen Leistungen und namentlich durch eine Obersetzung des Alten Testaments rühmlich bekannt gemacht. Die Bedeutung des hier teilweise zum ersten Male einem weiteren Kreise zugänglich gemachten Schrifttums wird in dem schönen Vorwort treffend gezeichnet: „Sie gewähren vor allem einen Einblick in die Geistesströmungen und Anschauungen der Juden vor und nach Christi Geburt". Es sind meistens Denkmäler indix) Abba Hillel Silver, A History of Messianic Speculation in Israel. XV, a68p. New York. The Macmillan Company 1927. 2) Paul Rießler, Altjüdisches Schrifttum außerhalb der Bibel. i34a S. Dr. Benno Filser Verlag G.m.b.H. Augsburg 1928. 200