Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 104 (sequence 3)
- Language
- German
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Anzeigen maß der Strafe aber läßt er sieh — suaviter in modo — von edlen Rücksichten leiten. Da gibt es Verdienste um die Gemeinschaft in Betracht zu ziehen, dort soll der gute Ruf des Hauses, das Interesse heranwachsender Kinder geschützt werden. Meistens setzt es Geldbußen. Ausschluß von Ehrenbezeugungen in der Synagoge oder Aberkennung des Wahlrechtes, in seltenen Fällen "Verlust des Heimatrechtes. Pranger und Halseisen, die der Gemeinde bis zum 19. Jahrhundert zur Verfügung standen, kommen in den Akten nirgends vor. Der Jude übt im Geiste seiner Propheten: „Gerechtigkeit und Liebe". So wirkt die Grundherrschaft nicht bloß als wirtschaftlicher Regulator aEes Verkehrs und jeder Populationsbewegung, sondern auch juristisch als vereinheitlichende Norm- und Konbrollbehörde. Ohne sein Verhältnis zur Sdbutzobrigkeit ist der Jude des Ghettos gar nicht zu denken. Freilich haben schon damals kleine Geschenke die Freundschaft erhalten; nichtsdestoweniger mutet uns die lange Liste der Neujahrs-, Ostern- und Martinigeschenke, die an den Fürsten und sein Hofgesinde verteilt wurden, recht eigentümlich an. Die „fürstlich Esterhazysche Judengememdc" war diese Freigebigkeit ihrer Sicherheit, ihrem Schutze schuldig. Aber leicht mag es den wahrlich nicht im Uberfluß Lebenden nicht geworden sein. „Es war keine geringe Aufgabe für einen Juden der Zeit, die Bedürfnisse zu decken, die einmal jeder Kreatur während ihres Daseins auferlegt sind und dann noch die seiner Spezialexistenz, seines Judenseins." Charakteristisch für die wirtschaftlich-kulturell höherstehende Judenschaft Eisenstadts ist es nun, daß eben die auf fürstl. Esterhäzyschem Territorium lebenden „Siebengemeinden" zwecks Erleichterung ihres Judeseins bereits amAnfangdes 18. Jahrhunderts den ersten Zusammenschluß fanden und die erste Judenorganisation vielleicht in ganz Europa bildeten. Ihre Hauptaufgabe bestand wohl lange Zeit hindurch in der Repartierung, d. h. gerechten Aufteilung und Einhebung der diversen Judenabgaben, was nicht immer so glatt vonstatten ging. Als aber lauere Lüftchen den Völkerfrühling zu verkünden begannen, da wußte sie auch für die Rechte der Allgemeinheit aufzutreten und petitionierte mehrfach um Aufhebung der Ehebeschränkungen ebenso wie um die der Toleranzsteuer. Es naht das Jahr i848 und da ist es recht instruktiv, dessen Auswirkungen in der kleinen Judengasee nachzugehen, wo die Ideen der Freiheit und Gleichberechtigung freilich nicht eitel Wonne und Hoffnung erwecken. „Ihnen war das Geduldetsein etwas Gegebenes, mit ihrer religiösen Existenz Verbundenes" — bemerkt Wachstein, in der sehr lesenswerten Einleitung. So zieht in kurzen Licht- und Schattenbildern das Leben dieses kleinen Gemeinwesens an uns vorüber, ein Spiegelbild des allgemeinen Judenschicksals, ein Typus aller Ghettos und Judengassen, wo immer sie sich befanden .Weder große Taten, noch weltbewegende Ereignisse lesen wir in dem Buche, aber „den Alltag einer verflossenen Zeit in seinem eigenen Gewände" uns vorzuführen, ist hier der erste Versuch gemacht worden. Mit bewundernswerter Geschicklichkeit hat es der Verfasser verstanden, uns auch das „Gewand", — d. i. die mit hebräischen Floskeln talmudischer -Gelehrsamkeit und Formeln allgemeinen Kurialstils überhäufte Sprache dieser Urkunden, — genießen zu lassen« Der ganze Band, vom Verleger prächtig ausgestattet und mit Facsimilen diverser Aktenstücke und Handschriften versehen, darf als wertvolle Bereicherung der jüdischen Geschichlsliteratur gelten, eine Fundgrube wissenschaftlicher Belehrung sowohl für den Fachf jrscher, als für den kulturhistorisch interessierten Leser. A. Fürst. N. M. Gelber: Vorgeschichte des Zionismus. J u de n s t a a t s p r oj e k t e 1696—1845. Phaidon-Verlag, Wien IV, 1927, 318 Seiten. Dies Buch des aus früheren Arbeiten zur jüdischen Geschichte schon vorteilhaft bekannten Gelehrten ist keineswegs, wie man vielleicht vermuten könnte, eine Propagandaschrift zugunsten des Zionismus. Es befaßt sich vielmehr in streng wissenschaftlicher Weise mit früheren Bestrebungen, einen jüdischen Staat zu gründen und insbesondere mit solchen, bei denen Palästina als territoriale Grundlage dieses Staatswesens gedacht war. Chronologisch setzt der Verfasser ein mit der Darlegung des Judenstaatsplans des Dänen Holger Paulli von 1696. Den Abschluß bildet der Hinweis auf ein aus polnischen Kreisen stammendes „Krimprojekt" vom Jahre i84i. Dazwischen schiebt sich eine Anzahl von Kapiteln, die durch folgende Oberschriften gekennzeichnet sind: Mendelssohn und ein Judenstaatsprojekt. (Übersendung einer leider unbekannten Denkschrift 104