Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Neues und Altes zur Idee des Führertums
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 70 (sequence 9)
- Language
- German
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Regina Barkan Moses, und Moses schreit zu Gott unter der Last des Führertums, unter dem Schmerz des Nichtverstandenwerdens und in seinem Alleinsein. „Was soll ich mit dem Volke tun, es fehlet nicht viel, sie werden mich steinigen!" Und innerer Krieg wechselt mit äußerem, und „dieweil Moses seine Hand emporhob, siegt Israel, aber die Hände Moses wurden schwer." — Unerbittliches Führerlos in seiner ganzen Größe und Tragik, heiße, schwere Zeiten und doch Zeiten, in denen die göttliche Botschaft verwirklicht wird. Aber immer ist es so: hier der Bote Gottes und auf der anderen Seite das schwer zu lenkende, das steifnackige Volk und nur eines, was den Fuhrer aufrecht hält: die göttliche Berufung. Und es wird ein zweiter Sohn geboren und Moses nennt diesen Eleasar: Mein Gott war meine Hilfe. Der Gott meiner Väter, ergänzt der Chronist, und er darf dies tun, denn es ist in dem Namen ein tiefes Getröstetsein. Das schwere Los, den Seinen ein Fremdling geworden zu sein, hat Linderung erfahren. Gott ist meine Hilfe. Ich bin nicht allein, denn dieser Gott ist der Gott meiner Väter, wie er sich gleich zu Anfang offenbarte. Ist Moses auch aus der Gemeinschaft des mit ihm lebenden Volkes herausgelöst, eine neue, eine weitere Gemeinschaft tut sich auf, jene Reihe der Väter, die Gott vor ihm erwählte und deren Geist in ihm wieder lebendig geworden ist. Wohl ist er abgetrennt von dem Volke von heute, aber eine tiefe Verbundenheit tut sich ihm dafür auf, die mit allen Erwählten von gestern und morgen, eine größere, eine überzeitliche Gemeinschaft Sprach in dem ersten Erwachen der Zugehörigkeit zu seinem Volke Blut und Trieb, jetzt wird er sich einer erhöhten und geläuterten, einer ewigen Gemeinschaft bewußt, der Gemeinschaft derer, die zur Verwirklichung des Gotteswortes berufen sind, die niemals ein Einzelner vollenden kann, auch nicht ein Moses. Und so übergibt denn auch Moses, der Bote Gottes, still und schlicht sein Werk dem Nachfolger: Josua soll vor dir hergehen. Niemand hat das Grab Moses erfahren, aber es ist dafür gesorgt, daß sein Werk weitergeführt wird. Dies lBt jüdisches Fülirertum. Und daß etwas von diesem Geiste in jedem hat lebendig sein müssen, dem es gegeben sein sollte, ein Führer in Israel zu sein, mag allein manches Wunder erklären; einmal die Existenz des Juden als solche; dann aber auch dies: daß die Kinder der gehänselten, verspotteten Väter vergleichsweise schnell zu Kulturträgern ihrer Zeit werden konnten. Wenngleich wir keine Veranlassung haben, das Leben in Ghetto zu verklären, so scheint es doch, daß man es auch dort verstanden hat, Unvereinbares zu einer Einheit zusammen zu schließen, den Einzelnen mit dem Volke, das Lernen mit dem 70