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Der Morgen · 1928-04-01 · Heft 1 (April 1928) · p. 60

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
4 (1928-1929)
Issue
Heft 1 (April 1928)
Article
Die religiösen Grundlagen im Lichte des Christentums und des rabbinischen Judentums
Date
1928-04-01
Page
60 (sequence 14)
Language
German
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R. Travers Herford liehen Erlösung fand. Besonders der Tod von Christus gab ihm diesen Schlüssel. Er sah darin einen weit größeren Sinn als was in dem Tod eines Märtyrers eingeschlossen sein konnte. Er hatte Stephan sterben sehen, aber Stephan hatte zu Christus in seiner letzten Agonie aufgeschaut. Der Tod von Christus mußte mehr bedeutet haben als der Tod dessen, der ihn zuerst bezeugte. Könnte das nicht ein Akt gewesen sein, der zugunsten der ganzen Menschheit erfolgt ist; nicht bloß das Ertragen eines ihm zugefügten Leides, sondern ein großer Akt der Liebe, die das Böse überwindet? Dafür hielt es Paulus, der daraus folgerte, daß das Böse, das durch einen einzigen Akt über- Pwindbar war, auch durch einen einzigen Akt in die Welt gekommen sein muß. So betonte Paulus die Sünde Adams ganz nachdrücklich als diejenige, welche die geistige Verderbtheit all seiner Nachkommen einschloß. Und er drückte das mit den Worten aus: „Wie in Adam alle sterben, so werden alle in Christus lebendig". Die Lehre von dem Sündenfall nimmt in der christlichen Theologie eine weit beherrschendere Stellung ein als in dem Denken der Rabbinen. Wenn diese auch gewiß viel über die Sünde Adams zu sagen hatten, so zogen sie daraus doch nie solch verhängnisvolle und weitreichende Schlüsse wie christliche Lehrer dies getan haben. Der Unterschied ist folgender: Die Rabbinen vertraten im Ganzen die Ansicht, daß die verderbte Lage der Menschheit keinen besonderen Anfangspunkt hat, und daß sie durch das allmähliche Wirken der erlösenden göttlichen Kraft überwunden werden kann; Paulus aber bereitete den Weg für die Lehre vor, die auch die Kirche vertrat, wonach es ein plötzliches Beginnen der menschlichen Sünde gab, und zwar durch den Sündenfall, dem aber durch einen ebenso plötzlichen Erlösungsakt in Christus entgegengewirkt wurde. An Stelle eines langsamen und fast unmerklichen Prozesses wurde ein zweimal plötzlich auftretender aber gegensatzlicher Prozeß gesetzt, der Sündenfall und der Tod von Christus. Dies war gleichsam der negative und der positive Pol im Ablauf des Lebens der Menschheit.. Jene tiefe Konzeption, die eine so große Rolle im christlichen Denken gespielt hat, stellt das Ergebnis dar, zu dem Paulus gelangte, als er in die menschliche Natur, wie er sie annahm, den Gedanken von Christus einfügte, der sein Inneres erfüllte und in seiner Vision erschien. Das war der Schlüssel, durch den er das Problem der menschlichen Sünde löste — für all diejenigen mindestens, die Christus anerkannt haben. Die Lösung war gewiß neu; und wie kühn und mit welcher Leidenschaftlichkeit er seine große Konzeption ausgestaltete, ist jedem Leser des Neuen Testaments bekannt. Ver- 60

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