Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 1 (April 1928)
- Article
- Die religiösen Grundlagen im Lichte des Christentums und des rabbinischen Judentums
- Date
- 1928-04-01
- Page
- 50 (sequence 4)
- Language
- German
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R. Travers Herford gründet war. Selbst die Schriften des Alten Testaments, die die Kirche als das Wort Gottes angenommen hatte, wurden in einem gleichsam christlichen Sinne gelesen und aufgefaßt Kurzum, was der Christ als religiöse Wahrheit anerkannte, galt nur, insofern sie mit Christus in Beziehung stand; und er druckte naturgemäß, ja notwendigerweise sie in Ausdrücken von Christus aus. Ich habe mich hier nicht mit der Frage zu beschäftigen, warum Christus nur von einigen und nicht von allen anerkannt wurde, woraus dann der scharfe Gegensatz zwischen Christentum und Judentum sich ergab. Ich stelle bloß die historische Tatsache fest, daß es so war; aber ich benutze diese historische Tatsache, um aus ihr die Unterschiede in bezug auf die Behandlung der religiösen Grundlagen zu erklären. Juden wie Christen erkannten diese Grundwahrheit in gleicher Weise, und der eine erfaßte von ihr so viel wie der andere; aber als sie das Erfaßte darlegen und erklären sollten, bediente sich jeder des geistigen Instruments, mit dem er schon versehen war, bezog also alles auf die einzige Norm, die gerade er anerkannte und gelangte so zu Ergebnissen, die in der Form weit voneinander abwichen, wenn auch (und das ist der wesentlichste Punkt) die Grundtatsachen als solche für beide dieselben blieben. Es wird nun möglich sein zu versuchen, jene Grundwahrheiten, wie sie von christlichen und rabbinischen Lehrern aufgefaßt wurden, zu vergleichen. i. Erstens also von der Tatsache, daß Gott ist. Das kann sehr kurz behandelt werden. Christentum und Judentum sind undenkbar ohne die Bealität des lebendigen Gottes, der im Inneren erkannt, empfunden und erfaßt wurde, und der durch Lobesworte anerkannt, durch Gebet verehrt und dem durch jede gute Handlung gedient wurde. Nicht bloß das Neue Testament, sondern die spezifische christliche Literatur aller Zeiten — nicht bloß der Talmud, sondern auch die spezifische rabbinische Literatur aller Zeiten zeigt dies zur Genüge. Selbst die Mischna, die von jenen christlichen Gelehrten, die gerade einmal in sie hineingeschaut haben, gewöhnlich für ein trockenes Gesetzbuch gehalten wird, macht keine Ausnahme. Die Mischna wäre überhaupt nie entstanden, wenn nicht ihre Schöpfer von einem tiefen Sinn für die Realität des lebendigen Gottes erfüllt gewesen wären und von einer leidenschaftlichen Ergebenheit in den Dienst Gottes. Warum aus ihren Arbeiten gerade die Mischna hervorging und nicht ein Buch, dessen inneren Sinn ein Christ leichter zu erfassen imstande war, ist eine andere Frage. Die Christen dachten in Beziehung auf Christus, die Rabbinen aber in Beziehung auf die Thora. Wenn die einen das Neue Testament hervorbrachten, so erzengten die anderen naturgemäß die Mischna 50