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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 502

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Jüdische Wanderungen
Date
1927-12-01
Page
502 (sequence 2)
Language
German
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IRI
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Michael Traub zeichnet werden. Durch die nach dem Kriege erfolgte staatliche Umgruppierung ist jedoch diese gewaltsame Verschiebung jüdischer Zentren in ihrer weiteren Auswirkung auf die Wirtschaftsdynamik und Bevölkerungsstruktur des osteuropäischen Judentums gegenwärtig zweifellos als Emigrationsprozeß zu bewerten. Der Krieg hatte eine überaus starke Erschütterung des jüdischen Wirtschaftslebens in Osteuropa zur Folge. Die Frontlinie durchquerte gleich zu Kriegsbeginn den westlichen Teil des russisch-jüdischen Ansiedlungsrayons (ebenso wie Galizien), zerstückelte den jüdischen Wirtschaftsorganismus in mehrere Teile und zerstörte mit einem Schlage die verkehrswirtschaftlichen Fäden, welche das jüdische Niederlassungsgebiet mit dem übrigen Rußland verbanden. In ganz besonderem Maße mußten die jüdischen Städtchen Polens und Litauens die Schrecken des Krieges über sich ergehen lassen. Viele wurden durch die Kriegsoperationen zerstört, viele verloren durch die Unterbindung des Verkehrs jegliche Einnahmequelle. Die bereits vor dem Kriege begonnene Abwanderung aus der Provinz nach der Großstadt nahm während des Krieges gewaltige Dimensionen an und führte in kurzer Zeit zur fast gänzlichen Entvölkerung unzähliger jüdischer Kleinstadtsiedlungen. So wurde der Vernichtungsprozeß des jüdischen „Städtchens" im Osten Europas durch den Krieg gewaltsam beschleunigt Besonders verheerend wirkten die namentlich im zweiten Kriegsjahre überhandnehmenden Ausweisungen der in der Nähe der Kriegszone lebenden jüdischen Bevölkerung. Da die russische Frontlinie immer weiter nach Osten rückte, erstreckten sich die Verfügungen der russischen Militärbehörden, für welche die gesamte jüdische Bevölkerung als „unzuverlässig" galt, auf immer zahlreichere jüdische Siedlungen. Alles hing in jenen schicksalsschweren Tagen von der Gunst oder der mehr oder weniger judenfeindlichen Gesinnung der einzelnen Militärführer ab. Am schwersten wurden Kurland und das Gouvernement Kowno betroffen, in denen die Ausweisungen den Charakter mittelalterlicher Judenvertreibungen annahmen. Aber auch in anderen Teilen des russisch-jüdischen Niederlassungsgebietes wurden in den Jahren 1915 und 1916 jüdische Städte und Städtchen binnen weniger Tage, zuweilen in 24 Stunden „gesäubert". Ein Massenexodus, wie ihn die moderne jüdische Wandergeschichte auch während der Pogrom jähre 1905/1906 nicht gesehen halte, setzte gleich nach Beginn des russischen Rückzuges (im Sommer 1915) ein, riß Hunderttausende von Juden aus ihrer Umgebung heraus, zerstörte 502

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