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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 456

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
[Rezension]
Date
1927-10-01
Page
456 (sequence 2)
Language
German
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Anzeigen Distanzgefühl des Menschen gegenüber Gott ist. Ein besonderer Vorzug des Buches ist, daß nicht nur die bekannten Haupt- und Stommgebete wiedergegeben sind, sondern auch Stücke aus den sogenannten Pijutine, den mittelalterlichen Dichtungen, deren viele mit der Reform des Gottesdienstes im 19. Jahrhundert aus den Gebetbüchern wieder entfernt wurden. Man kann zu diesem Vorzug stehen, wie man will, auch der, der ihn bejaht und als notwendig empfindet, wird das Bedauern nicht unterdrücken können, daß damit eine Fülle von Zeugnissen frommer Gesinnung aus den verschiedensten Zeiten der jüdischen Geschichte aus der unmittelbaren Kenntnis der Juden schwand. Daß die Verfasserin an ihnen nicht vorbeiging, ist dankenswert und zeugt von ihrem Verständnis, und wie sehr sie sich in den Gegenstand! eingelebt ihat. Die Übersetzung ist flüssig und klar, verbindet Verständlichkeit mit dem Bemühen, die Eigenart des Stils, die der Urtext bietet, gerecht zu werden. Im Neujahrsgebet darf die Obersetzung aber nicht heißen: „bringe deinen Schrecken, Ewiger unser Gott, über all deine Werke und Furcht vor dir über alles, was du erschaffen", sondern: „bringe Ehrfurcht vor dir, Ewiger unser Gott über all deine Werke und Scheu vor dir ..." So ist der Sinn dieses Gebetes. In der Einleitung dürfte) es nicht heißen: Träger des Gebetes ist der Vorbeter. Auch da, wo er, wie in der modernen Synagoge, stärker hervortritt, bleibt Träger des Gottesdienstes stets die ganze betende Gemeinde. Möge das Buch viele Leser finden unter Christen und Juden. Max Dienemann. Das Vaterunser. Ursprung, Sinn und Bedeutung des christlichen Hauptgebets. VonD.Paul F i e b i g. Druck und Verlag von C. Bertelsmann in Gütersloh. 1927. Wenn Fiebigs schöne Arbeit über das Vaterunser auch an dieser Stelle besprochen, wenn ein anscheinend dem engeren Fachgebiet der christlichen Theologie angehöriges Thema vor dem großen Leserkreise dieser Zeitschrift behandelt wird, so ist das ein Beweis dafür, daß für die Erörterung neutestamentlicher Probleme der neue Weg mit Erfolg beschritten worden ist. Die früher herrschende Meinung, daß mit der Entstehung des Christentums das Judentum religionsgeschichtlich seine Rolle gänzlich ausgespielt habe, wird kaum noch von wissenschaftlich beachtlicher Seite vertreten, und alle neueren Werke, die das Frühchristentum wirklich erschöpfend zu charakterisieren versuchen, nehmen auf die Ideen des rabbinisch-talmudischen Judentums gebührende Rücksicht. Ein ganz besonders interessantes Beispiel ist das Vaterunser. Schon früher ist darauf hingewiesen worden, daß zwischen der neutestamenllichen Ethik und der der Rabbinen weitgehende Übereinstimmungen vorhanden sind, und oft genug ist die Frage gestellt worden, was deun gerade im Vaterunser das Neue sei, das nicht in den sittlichen Forderungen des talmudischen Judentums enthalten ist. Fiebig hat nun das Verhältnis des Vaterunser zu den wichtigsten Gebetsstücken des zeitgenössischen Judentums, insbesondere dem Kadd&sch und der Schemone esre, eingehend untersucht, und die engen Beziehungen, die er feststellt, erweisen, daß es eine aus dem religiösen Bewußtsein der Zeit sich ergebende Formel darstellt, die auf Jesus selber zurückzuführen ist. Und damit wird das Büchlein auch ein Beitrag zum Verständnis der religiösen Persönlichkeit des Stifters des Christentums. Wenn auch Fiebig, Harnack folgend, das Neue in der Predigt Jesu in seiner Auffassung des Heiligkeitsbegriffs sieht und ihn zu einem Überwinder wenn nicht einem Verächter der Zeremonie, der kultisch-juristischen Heiligkeil macht — eine Meinung, für die es freilich keinerlei beweiskräftige Stütze im neutestamentlichen Schrifttum gibt — so legt seine Darstellung überzeugend dar, wie sehr die religiöse Persönlichkeit Jesu im jüdischen Anschauungskreise seiner Zeit wurzelte. Daß diese Feststellung nur historischen Wert hat, sei, um Mißverständnisse zu vermeiden, betont. Denn der Nachweis, daß Jesus ganz im Geiste seiner Zeit dachte, ändert nichts an der Tatsache, daß Judentum und Christentum von des Apostel Paulus Zeiten an nicht nur in der Glaubenslehre, sondern auch in wesentlichen Punkten der ethischen Auffassung ganz erheblich auseinandergehen. Für die Klärung der Frage, ob diese Trennung bereits in der Lehre Jesu vor sich gegangen sei, bedeutet aber Fiebigs Buch, trotz seiner Vorbehalte, einen wichtigen Beitrag. Und der Schrift sowie der von ihr verfolgten Methode sei darum weite Verbreitung und voller Erfolg gewünscht. F.Goldmann. Herausgeber und Scbrlflleitung: Professor Or. Julius Goldstein, Dannstadt, Beckstr. 87. / Verlag: Philovcrlag Berlin S. W.68, Llndenstr. 13QL / Drude: Roetherdrudc G.m.b.H., Darmstadt, Bleichst*. 24.

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