Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Aufbau und Umbau
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 385 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Aufbau und Umbau eine kritischere Einstellung auslösen muß als die Aufbauarbeit in der Stadt Wenn der Jude aus einem sterbenden russischen Kiemstädtchen sich dadurch rettet, daß er in eine Großstadt übersiedelt, so dürfte diese Handlung wohl von keinem Standpunkte eines jüdischen Programms aus Bedenken erwecken. Nun, gegen welchen jüdischen Grundsatz versündigt sich derselbe Jude, wenn er in die südliche Ukraine, in die Krim oder noch weiter, nach dem russischen Osten geht, um sich dort anzusiedeln? Ebenso wenig ist ein jüdischer Standpunkt denkbar, aus dem heraus man den in Frage stehenden jüdischen Organisationen sagen könnte: Hilfe für den Juden, der sich in der Stadt seine Existenz wieder aufbaut, ist zulässig, Hilfe für den Juden dagegen, der unter den größten Entbehrungen ein neues Leben in Verbundenheit mit der Natur begründet, ist unzulässig . - . * * * Nach den geschriebenen Verfassungen sämtlicher Kulturstaaten sind die Juden heute gleichberechtigt Auch in den Ländern des östlichen Europas ist die äußerliche Emanzipation im großen und ganzen erreicht Im jetzigen Zeitabschnitt steht das osteuropäische Judentum vor der Aufgabe, die formelle rechtliche Gleichheit in die faktische sozial-wirtschaftliche Gleichstellung umzusetzen. Diese Aufgabe wird einen Kampf von mehreren Generationen erfordern. Die Produktivierung der jüdischen Masse ist gegenwärtig die Achse, um die sich im Osten alle Probleme des jüdischen Lebens drehen. Gewiß könnte die Emigration, vorausgesetzt, daß es nennenswerte Einwanderungsmöglichkeiten gäbe, die Lage der Bedrängten etwas erleichtern, aber der Kern des Problems wird dadurch nicht berührt Gewiß sind kulturelle Minderheitsrechte für die Juden in den Ostländern von großer Bedeutung, jedoch die zentrale Forderung unserer Zeit geht dahin, den jüdischen Volksorganismus in Osten in seinen wichtigsten wirtschaftlichen Funktionen zu stärken. Das verlangt soziale Umschichtung, Heranziehung großer Bevölkerungsgruppen zur Industrie, Schaffung eines jüdischen Bauernstandes, besonders in den Agrarländern, wo dafür die günstigen Bedingungen vorhanden sind. In mannigfaltigen Erscheinungen der Gegenwart kündigt sich bereits die neue Zukunft an. Das osteuropäische Judentum liquidiert das Erbe des Ghetto und beginnt ein den anderen Völkern gleichwertiges Leben zu führen. 25 385