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Der Morgen · 1927-10-01 · Heft 4 (Oktober 1927) · p. 371

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 4 (Oktober 1927)
Article
Aufbau und Umbau
Date
1927-10-01
Page
371 (sequence 17)
Language
German
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Aufbau und Umbau Bei der Betrachtung der jüdischen Landwirtschaft im heutigen Rußland muß man, wie bereits angedeutet, die Tatsache berücksichtigen, daß jüdische Landarbeit an sich keineswegs eine neue Erscheinung in der Wirtschaftsgeschichte des russischen Judentums darstellt Bereits im 19. Jahrhundert setzte eine Siedlungsbewegung unter den Juden ein. Ihre Geschichte beginnt mit dem Jahre i8o4- Die damalige russische Regierung glaubte, das Elend der Bauernschaft auf die Rolle der jüdischen Vermittler zwischen Bauern und Gutsherren zurückführen zu können und griff deshalb zu der judenfeindlichen Maßnahme, aus den verschiedenen Dörfern im Westen Rußlands 60 000 jüdische Familien, die sich dort hauptsachlich von Handel und Schankwirtschaft ernährt hatten, auszuweisen- Der größte Teil dieser Masse konnte in den ohnehin überfüllten Städten keinen Platz finden. Nun beabsichtigte die russische Regierung zu jener Zeit, die kurz vorher den; Türken entrissenen, sogenannten neurussischen Gouvernements (Cherson, Jekaterinoslaw, Taurien) zu kolonisieren. Es wurden eigens zu diesem Zwecke Emigranten aus Deutschland und die in der Türkei vorhandenen Slaven eingeladen. Eine Gruppe jüdischer Männer aus dem Kreise der Aufklärer (Maskilim) mit ihrem Führer Note Nolkin an der Spitze, brachte den damaligen russischen Justizminister Derschawin auf den Gedanken, die ausgewiesenen jüdischen Familien in das sogenannte Neurußland zu verpflanzen. Die Regierung gewährte dabei den zur Landwirtschaft übergehenden Juden bedeutende Vergünstigungen.1) Den jüdischen Landarbeitern wurde versprochen, daß sie keinen Frohndien^t für die Gutsherren zu leisten hätten und sie wurden für die Dauer von fünf Jahren von, Steuern und Abgaben befreit Die völlig unbemittelten Juden erhielten kostenlos Land und Inventar und außerdem einen Vorschuß zur Errichtung ihrer neuen Wirtschaft Steuerabgaben wurden ihnen für die Dauer von zehn. Jahren erlassen. Es vergingen keine drei Jahre nach dem Erlaß des Gesetzes vom 9. Dezember 180 4, als bereits die ersten jüdischen Kolonien im Gouvernement Cherson gegründet waren. Nach weiteren drei Jahren kamen sechs neue Kolonien hinzu. In der ersten Zeit gestalteten sich die Verhältnisse für die der Landwirtschaft ungewohnten Juden außerordentlich schwierig. Die Steppen waren trocken und öde, die Felder litten unter der Plage von Heuschrecken, Viehseuchen suchten die Kolonien heim. Unter den Kolonisten brach eine große Sterblichkeit aus, x) Vergl. „Ehe es zu spät ist" vom selben Verfasser in „Ost und West", Jahrg. XXI, Heft r S 24* 371

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