Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1927)
- Article
- Aufbau und Umbau
- Date
- 1927-10-01
- Page
- 369 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Aufbau und Umbau intensive Kulturen, für Milchwirtschaft, Bienenzucht und dergleichen. Eine wichtige Rolle spielen dabei die zwölf jungen, aber bereits stabilen jüdischen landwirtschaftlichen Genossenschaften, die der polnische „ORT" ins Leben gerufen hat Für eine beträchtliche weitere Ausdehnung der jüdischen Landwirtschaft in Polen fehlen jedoch vorläufig die rechtlichen Voraussetzungen. Dagegen sind hier erhebliche Entwicklungsmöglichkeiten für Handwerk und Kleinindustrie gegeben, was man von der Großindustrie zurzeit nicht behaupten kann. Der jüdischen Aufbauarbeit in Polen liegt folgende Erkenntnis zugrunde: In der allgemeinen Wirtschaftspolitik des Landes, in dem zwei Drittel der Gesamtbevölkerung mit der Landwirtschaft verbunden ist, tritt unverkennbar die agrarische Orientierung hervor, eine Tatsache, der wir übrigens auch in allen anderen osteuropäischen Ländern, unabhängig von der jeweiligen Regierungsform begegnen. Diese agrarische Orientierung verursacht es, daß die Interessen der Stadt, die Interessen von Handel und Industrie, zu einem großen» Teil vernachlässigt werden. Dabei wird die Hauptlast der Steuern auf die Stadtbevölkerung abgewälzt Die Juden, die etwa ein Zehntel der Gesamtbevölkerung des Landes ausmachen, stellen fast die Hälfte der Stadtbewohner. In der Mehrheit sind sie in sechs größeren Städten konzentriert und leben hauptsächlich von Handel und Industrie. Diese Tatsachen erklären wohl, weshalb die Juden von der allgemeinen Wirtschaftspolitik der Regierung dieses; Landes besonders hart betroffen werden und daß die herrschende finanzielle und wirtschaftliche Krise für die Juden besonders empfindlich ist Im früheren Polen überstieg die Produktion in hohem Maße den Bedarf des eigenen Marktes und etwa zwei Drittel der gesamten polnischen Produktion ging nach Rußland. Heute sind die Aussichten der polnischen Großindustrie sehr gering, in erster Linie infoige der internationalen Lage des Landes, das auf der einen Seite einen mächtigen industriellen Konkurrenten und auf der anderen ein riesiges Agrarland als Nachbarn hat, wobei zu beachten ist, daß Rußland seinen Bedarf an Industrieerzeugnissen dort zu decken sucht, wo es seine landwirtschaftlichen Produkte absetzen kann (Polen kommt hierbei kaum in Frage). Unter diesen Umständen sind Kleinbetrieb und Handwerk ausersehen, eine überaus wichtige Rolle zu spielen. Das Schicksal der breiten jüdischen Masse wird hier vor allem davon abhängig sein, wieweit es ihr gelingen wird, die Positionen des jüdischen Handwerks aufrechtzuerhalten und weiter auszubauen. 24 369