Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Über die Scham
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 333 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Über die Scham fühlen wir uns mitverantwortlich an solcher Unordnung. Nun sehen wir auch, was es heißt, wenn wir den Körper „nackt" nennen. Zunächst liegt darin freilich ein Vergleich mit den Tieren. Sie haben ein Haar- oder Federkleid, das uns fehlt. Aber ruft dieser Mangel uns zu ihrer Stufe zurück? Gewiß nicht. Uns ist das Naturkleid versagt, weil wir seiner nicht mehr bodürfen, weil wir ein kostbareres Kleid tragen sollen, das Kleid unseres Geistes. Wie das beschaffen ist, sehen wir in Gesicht und Händen. Dort wo unser Leib persönliches Gepräge hat, wo wir selber in ihm zum Vorschein kommen, dort hört er auf nackt zu sein. Und wo ihm die einzigartige nur dem einen Menschen eigentümliche Form fehlt, wo noch Allgemeines, Unpersönliches, Geschlechtliches vorherrscht, da kann ihn auch ein Haarpelz nicht mehr vor Nacktheit retten. Ihm muß die persönliche, geistige Note dann von außen her gegeben werden durch menschliche Schöpfung, sei's durch Bemalung, sei's durch die Form der Kleidung. Daraus erklärt sich auch, daß mit fortschreitender Kultur die Ansprüche an die Kleidung immer mannigfaltiger und differenzierter werden. Volkstrachten entsprechen einer Zeit, wo der Einzelne sich noch als Glied seines Stammes fühlte. Er war noch raumgebannt. Daraus hat er sich allmählich gelöst und sich ganz dem Augenblick, der jeweiligen Zeitströmung hingegeben. Nun herrscht die Mode. Das körperliche Schamgefühl ist besonders ausgeprägt im Jünglingsalter, wenn in der Pubertät Geschlecht und Individuum sich scheiden. Es ist deshalb kein Zufall, daß wilde Völker ihre Jugend mit eintretender Mannbarkeit tätowieren. Weil nunmehr der Körper als nackt empfunden wird, erhält er sein Gesicht. Er wird aus dem Natürlich-GeschlechÜichen ins Persönlich-Geistige erhoben. Körperliches Schamgefühl ist bei Frauen stärker als bei Männern; das erklärt sich daraus, daß die Frau der Natur und ihrem Wechsel tiefer unterworfen ist, zugleich aber auch dieses Ausgeliefertsein besonders stark als Schwäche empfindet. Völker und Kulturen sind auf dieser zweiten Stufe, wenn sie in die Geschichte eintreten, wenn sie das Schicksalhafte ihres Daseins ahnen und deshalb durch Tat und Gestaltung sich ihm zu entwinden suchen. Ringend und kämpfend mißt der Geist seine Kräfte an der Natur und in dem Maß, wie es ihm gelingt, die Grenzlinien zwischen beiden Reichen immer klarer zu ziehen, tritt auch ein Zustand der Versöhnung und des Friedens ein. Es ist die dritte Stufe, auf der der Geist sich zur Wahrheit, d. i. zur Anerkennung der Wirklichkeit und damit zu seiner eigenen Freiheit durchringt. Die Natur ist ihm nun nicht mehr Widersacherin, Feindin, voller Lockungen und Fallen. Sie ist ihm Spiegel und Abbild, Freundin, Geliebte und Mutter. Der menschliche Geist erkennt allmählich das Verhaftetsein des Leibes an die Gesetze der Natur. Und wir finden uns damit nicht etwa nur ab, wir fügen uns nicht nur darein wie in ein Unvermeidliches, sondern wir lernen es dankbar schätzen und lieben als zu uns gehörig, als unentbehrlich, als Bedingtheit unseres Wesens. Denn was noch nicht persönlich, noch nicht vom Geist beherrscht und geformt ist, und was uns zunächst fremd und oft feindlich anmutet, ist nichts anderes als der Wurzelboden, aus dem unsere Persönlichkeit aufsteigt. Ohne die Nahrung aus ihm könnte sie sich nicht verleiblichen. In magerem Erdreich werden keine großen Persönlichkeiten ge- 333